Workshop

Seminare lassen sich aus tausend Blickwinkeln kommentieren, analysieren oder auch einfach teilnehmend genießen. Vielleicht gibt es einen sachlichen Aspekt, vielleicht gibt es ein neutrales Betrachten der zu lernenden Techniken oder auch ein Erinnern an besonders lustige und einprägende Momente, doch ehrlich gesagt, erscheinen diese Vielleichts nur irgendwo am Rande der eigenen Wahrnehmung.

Was bleibt nun wirklich in den eigenen Synapsen verhaftet und trägt mich weiter in meinem Tun?

Mitte Juni besuchte ich gemeinsam mit meiner Freundin ein Aikido-Seminar in Kiel, das uns beiden nicht nur wirklich gut gefiel, sondern auch überraschende Varianten vermittelte. Dies Wissen wollten wir unbedingt nicht vergessen und trafen uns deshalb gleich am folgenden Tag, um das Gesehene nochmals auszuprobieren.

Wir standen uns auf der Rasenfläche gegenüber, schauten uns an und lachten. Unglaublich! Das Gezeigte war keine 24 Stunden vorbei und trotzdem mussten wir erst einmal überlegen, mit welchem Eingang gearbeitet wurde! Beängstigend, was blieb vielleicht nach sieben Tagen? Es ging darum, eine bestimmte Technik zu rekonstruieren. Schnell bemerkten wir, dass jeder von uns andere Sequenzen, andere Bilder oder Worte aus der Erinnerung holte. Wir erzählten uns gegenseitig, was uns dazu einfiel: Wie stand der Trainer da? Welche Bemerkung gab es zu den Händen und was hob er hervor? Gedanklich standen wir vor einem Tisch mit mehreren Puzzleteilen, nahmen ab und zu eines in die Hand und fügten es einmal hier an und einmal dort.

Zwischendrin fiel uns auf, dass unser Puzzle nicht vollständig war. Wie sollten wir die Brücke zwischen unseren Erinnerungen bauen? Aufgeben konnte jeder. Wir hatten uns etwas vorgenommen und wollten auch unser Ziel erreichen. Immer wieder legten wir kleine Pausen ein, um das uns Aufgefallene nicht zu verlieren. Bei heißem Tee und selbgebackenen Schokomuffins gönnten wir uns einen Moment der Ruhe, um die vielen kleinen Extra-Überlegungen zu besprechen. Ohne es zu bemerken, war es genau der richtige Weg, um an unser Ziel zu gelangen.

Mit neuen Möglichkeiten im Kopf probierten wir herum. Wenn der Angreifer so steht und der Ausführende möchte das oder das tun, welche Voraussetzung musste gegeben sein? Es gab einige Bewegungssequenzen, die sich in fast allen Techniken wiederfanden. Sie waren sehr klein, doch erkennbar. Sie verbanden Notwendiges mit Möglichem. Wer der Kampfkunst verfallen war, weiß, dass die Bewegungen immer auf runde Schleifen und Wirbeln der Energien basierten. Mit diesem Gedanken im Kopf ließen sich Elemente gut verbinden. Es ist dann ein Hineinfühlen in die Bewegung, ein Geschehen-lassen ohne darüber irgendwelche Gedanken zu verschwenden.

Die großen Meister betonen immer wieder, dass die Technik an sich lediglich ein Konstrukt ist, um den Trainierenden zu führen. Die wirklich Fortgeschrittenen lassen sich von ihrem Gefühl leiten, das sich mit den Jahren und Jahrzehnten immer mehr verfeinert. Das ist dann auch der Moment, wo wieder neue Techniken entstehen können. Vielleicht lässt sich auch sagen, dass ein Ausübender dann Techniken entdeckt, die es eigentlich schon immer gegeben hatte. Er oder sie ist dann ein Schatzsucher mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht, da er etwas sehr Wertvolles gefunden hat. Der Blickwinkel formuliert die Aussage.

Das Runde der Bewegungen schenkte uns die Verbindungsstücke, die wir suchten. Zum Schluss gab es noch den ultimativen Test: Das bisher in Zeitlupe Ausprobierte musste nun die Schnelligkeit überleben. Wenn es sich fügte, war es richtig.

Völlig außer Atem lachten wir uns an. Es passte! Vielleicht entsprach die von uns gefundene Form nicht dem Gezeigten des Vortages, vielleicht fehlte das Eine oder Andere, um die Technik als identisch zum Vortag zu bezeichnen, doch war dies wichtig? Wir hatten etwas gefunden, dass sich richtig und gut anfühlte, den Angreifer auf eine elegante Art zu Boden führte und überhaupt keine Zweifel offen ließ, ob es wirksam war oder nicht.

Aikido hat keine Grenzen!