Fliegen

An manchen Tagen ist einfach alles perfekt. Der Körper braucht nur wenig, um wirklich geschmeidig zu sein. Die Atmosphäre ist gelöst und leicht, alle sind in der Stimmung, den Übungen die Form zu geben, die sie brauchen. Es geht überhaupt nicht anders, denn die Energie im Raum scheint sich immer mehr zu steigern. Kokyu-nage, der Atemkraft-Wurf, ist eine Besonderheit im Aikido. Die Neutralisierung des Angriffs und das Lenken des Impulses ist eine Handbewegung, die alles einfach mitnimmt, die entgegengebrachte Energie und den Menschen, der sich mit Freude in den Kampf stürzt.
Es gibt unzählige Varianten, die den unterschiedlichen Angriffsformen gerecht werden, doch sie enden im Endeffekt immer in Einem: im Freiwerden von angestauten Energien, die ich einem Anderen entgegenbringe, der mich mit seinen Händen in meine Impulsrichtung führt. Es ist ein gezieltes Führen in Sekunden des Schwebens. Wer einmal das richtige Fallen lernte und es mit verbundenen Augen durchführen könnte, dem offenbaren sich beim Kokyu-nage Möglichkeiten des eigenen Körpers, die so kaum im normalen Leben erfahrbar sind.
Es braucht ein Vertrauen zu sich selbst. Ein Vertrauen, dass mein Körper sich nicht verletzen wird. Er weiß, wie er sich schützen kann, ich brauche keine Bedenken zwischen mich und dem Moment zu schieben; sie würden nur stören und mich von der richtigen Bewegung abhalten. Jeglicher Gedanke sollte ruhen, sollte am Rand der Matte zu den Waffen gelegt werden, die ebenso geduldig auf ihre Nutzung warten und vielleicht irgendwann oder gar nicht für diesen Abend genutzt werden.
Kokyu ist die Atemkraft, die genutzt wird. Der Aikidoka, der beim Angriff angefasst wird (Nage), besitzt ab diesem Moment eine Spannung in seinem Unterbauch und er-atmet sich dadurch eine Kraft, die den Angreifer auf keinen Fall blockiert, sondern fließen lässt. Dennoch ist das Fließen eine Druckerhöhung, die nicht durch Muskelkraft, sondern durch die Anspannung mit dem verbundenen Nervensystem eine innere Spannung und Dynamik entwickelt. Der Verteidiger führt den Angreifer über einen Punkt hinaus, ab dem er seine Bewegung nicht mehr unter Kontrolle hat und ein willentliches Agieren unmöglich macht. Zudem geschieht etwas, was dem Angreifer noch weiter sein zielgerichtetes Handeln raubt: Nage beschleunigt durch seinen eigenen Körper sachte den entgegengebrachten Impuls und erhöht damit die bereits vorhandene „Fassungslosigkeit“ des Angreifers, dem nichts anderes mehr bleibt, als dieser Führung nachzugeben.
Im Dojo befinden wir uns in einem geschützten Raum gefüllt mit Energien. Es ist kein echter Straßenkampf, sondern ein Ausprobieren, ein Ertasten der körperlichen und mentalen Möglichkeiten unseres Seins, das einen Aikidoka immer an den Rand seines Wissens über das Zusammenspiel zweier Kämpfender bringt. Ein Kampf ist immer einzigartig, jedes Verteidigen hat nur in diesem Moment genau diese Handhabung, diese Zusammensetzung von Yin und Yang.
So kommt eine besondere Dynamik auf einen vorbereiteten Kämpfer zu, die er lediglich begleitet, seinen Teil der Energie hinzufügt und schließlich eine Wucht loslässt, die nicht nur die Handlung als solche bestimmt, sondern ebenso die Aura des Geworfenen durchdringt und diesen begleitet. Jeder Wurf steigert das Durcheinanderflirren der eigenen Schwingungen, er steigert Energien und lässt ein Lächeln zu einem Lachen werden, da es sich so wunderbar anfühlt, geführt durch den in Gedanken festgehaltenen Moment zu schweben. An perfekten Trainingstagen ignoriert dann der Lehrer das Lautwerden der Kämpfenden, da er die Freude sieht. Freude lehrt, Freude trägt und vor allem ist es eine der unvergleichlich schönen Empfindungen unseres Seins, die niemals enden sollten.
Kokyu-nage verführt zu einem Toben auf Matten, das lediglich durch die Kondition der Angreifer ihre Grenzen finden wird. Mit hochroten Köpfen und heftiger Atmung braucht es dann seine Zeit, um diesen Abend mit einer ausgeglichenen Ruhe schließen zu können. Doch wer sagt, dass es immer so sein muss? Aikido ist friedvoll, ausgleichend und dennoch aufregend, lebendig und findet immer die eigenen Grenzen, um diese mit einem Augenzwinkern zu übersteigen und etwas ganz Neues zu finden, das fern von unserem Vorstellungsvermögen liegt.

 

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Anmerk. z. Titelbild: © Christian R.
Trainingsort: http://www.aikido-kaltenkirchen.de (wird Ostern freigeschaltet)