Die innere Haltung

Seminare geben Anstoß zum Nachdenken und vermitteln neue Facetten für die eigene Entwicklung, sei es in der Technik oder aber auch in der prinzipiellen Sichtweise. So können wenige Stunden des Trainings noch Tage und Wochen in einem selbst nachhallen, da die „angestupsten“ Überlegungen ihre Zeit benötigen, um wirklich bei einem selbst anzukommen.

Am Wochenende besuchte ich ein Seminar mit Rüdiger Keller, 8. Dan, in Lüneburg, der seit über fünfzig Jahren mit Aikido auf der Matte steht und unzählige Seminare leitete. Von der ersten Minute an, zeigte sich recht deutlich der besondere Schwerpunkt: Es ging um keine ungewöhnliche Technik oder Bewegungsabfolge, es ging um den Kämpfenden selbst und seine Einstellung während der Ausführung.

Es gibt Äußeres und Inneres, was im Grunde nicht neu ist. Doch wenn ich Aikido nicht nur als Sport betrachte, der mich geschmeidig hält oder darin eine Technik-vermittelnde Kampfkunst verstehe, dann wird von den erfahrenen Lehrern immer wieder darauf verwiesen, welchen großen Einfluss meine eigene Aufmerksamkeit besitzt. Es ist dann nicht nur ein zielgerichtetes Handeln, sozusagen das Führen eines Lichtschwertes, das in eine bestimmte Richtung zeigt, sondern auch ein Disziplinieren der eigenen Gedanken und Bilder im Kopf.

Wir alle haben unsere Energien im Körper, nur ist es nicht immer einfach, damit in Kontakt zu kommen oder diese in die richtige Bahn zu bringen. Die natürliche Bewegung ist im Normalfall nichts, was uns ständig bewusst ist. Wir denken nicht über jeden Schritt beim Gehen nach, sondern tun es einfach. Oft ist es auch so, dass es bei einem Bewusst-werden plötzlich zu stockenden Ausführungen kommt, da Körper und Geist in solchen Momenten nicht wie Zahnräder ineinander greifen; sie tun es erst, wenn wir diese Aufgabe unserem Unterbewusstsein überlassen. Diese alltäglichen Bewegungen besitzen dann eine bemerkenswerte Kraft.

Eine Übung zeigte es besonders eindrucksvoll: Der Angreifer (Uke) erfasste spiegelgleich von der Seite das Handgelenk des Ausführenden (Nage) mit der deutlichen Intention, diesen nicht nur zu berühren, sondern wirklich zu fixieren. Als ich als Nage den Griff meines Gegenübers verspürte, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, diesem Festhalten durch meine eigene Kraft oder Bewegung überhaupt eine andere Richtung zu geben. Gleichzeitig bemerkte ich aber auch, dass meine Gedanken sofort „verrutschen“. Meine ganze Aufmerksamkeit galt plötzlich dem festen Griff an meinem Handgelenk; ich spürte die Finger und Kraft meines Gegenübers sehr deutlich. Die Zweifel an meine Eigenwirksamkeit wuchsen ins Immense.

Es galt nun, dieses „Verrutschen“ der Gedanken nicht zuzulassen und dafür mit beiden Händen pointiert in die Richtung zu zeigen, die ich selber wünsche und es dann auch zu tun. Es klappte! Nicht immer, doch immer mehr. Es ging sogar mit zwei gefassten Handgelenken. Die eigene Achse war der Anker und wenn ich mich darauf einließ mich von innen zu sehen, sozusagen meinem Wollen auf die Spur zu verhelfen und mich nicht durch Äußeres ablenken ließ, dann konnte ich meine Intention durchführen. Natürlich verwandelten sich die festen Griffe nicht nur aufgrund meiner Gedanken zu Federn, dagegen sprachen schon später die eindeutigen Spuren auf der Haut. Doch ein zielgerichtetes Wegführen funktionierte, auch wenn der Angreifer über wesentlich mehr Kraft verfügte.

Beim Kämpfen mit dem Stab zeigte es sich ebenso deutlich. Ob ich fokussiert mein Gegenüber wahrnehme und bestimmt in den Raum des Angreifers eintrete oder lediglich meine Übung irgendwie durchführe, offenbart sich nicht nur dem Betrachter von außen, sondern hinterlässt in einem Selbst auch unterschiedliche Empfindungen. Beim Ersteren besitzt es den Charakter des vorweg genommenen Sieges oder auch das Gefühl Herr der Situation zu sein, beim Zweiten ist es eine Übung, die auch bei noch so vielen Wiederholungen keinerlei Effekt besitzt.

Der Fokus oder die pointierte Aufmerksamkeit zeigt einem Angreifer die Grenzen auf. Besitzen beide Kämpfenden diese zielgerichtete Art, dann ist ein Miteinander sehr erfüllend und bereichernd. Es ist dann ein intensiver Schlagabtausch mit viel Spaß.

Es war ein gelungener Tag!

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Trainingsort: http://www.aikido-dojo-lueneburg.de/