Lapislazuli

Sie trat mit Krawumms und viel Schmutz in mein Leben. Einfach so, ohne Vorwarnung. Mit dem Gesicht im Dreck dachte ich darüber nach, dass gerade meine letzte saubere Hose sich verabschiedete. Das Lachen meiner Freundin begleitete übermütig mein Geschimpfe, während ich mich wieder aufrappelte.

„Stell dich niemals mit dem Rücken zum Gatter! Nach all den Jahren eigentlich nichts Neues für dich!“ Kichernd half mir Leonie auf die Beine. Seit über 10 Jahren betrieb sie einen Reiterhof im Norden von Hamburg, doch leider erzählte sie mir gerade vor einer Minute, dass sich die Tore vermutlich im nächsten halben Jahr schließen werden. Die Kosten überstiegen die Einnahmen. Fast jedes Wochenende half ich ihr auf dem Hof, obwohl ich mit Pferden überhaupt nichts am Hut hatte; das Reiten überließ ich anderen. Ich war sozusagen freiwilliges Bodenpersonal, das in die Familie aufgenommen wurde und an allen Mahlzeiten teilnahm.

„Darf ich vorstellen? Das ist Leslie unsere neue Haflinger-Dame.“ Übermütig den Kopf hebend und schnaubend, als wäre alles damit gesagt, fixierten mich dunkle Augen mit langen schwarzen Wimpern. Immer noch an mir selbst herum klopfend, blickte ich irritiert zurück.

„Neues Pferd, obwohl ihr Pleite seid?“ Eigentlich nicht auf Leonies Antwort wartend, strich mein Zeigefinger nun vorsichtig über den hellbraunen Nasenrücken. Weich und doch hart, warm und doch kühl fühlte es sich an. Ohne überhaupt irgendetwas über den Neuzugang zu wissen, blieb sofort der Eindruck von Gegensätzen.

„Ihre Besitzerin musste beruflich nach Süddeutschland und wusste nicht einmal, ob sie in Zukunft überhaupt Platz für sie haben wird. Du kennst mich. Warum sollte ich nein sagen. Das Geld für Unterkunft und Futter bekam ich, doch wie es weitergehen wird, kann ich dir nicht sagen.“ Etwas mit ihrer Façon kämpfend fügte Leonie noch hinzu: „Ein halbes Jahr haben wir noch… und ob wir einer mehr oder weniger sind, ist dann doch egal.“ Ich liebte Leonie dafür. Sie besaß das größte Herz der Welt und konnte kaum jemanden etwas abschlagen, vor allem nicht, wenn es um Pferde ging.

Nun wieder lächelnd hielt meine Freundin der eben noch rempelnden Stute einen roten Apfel hin. Leonie war ein lebendes Apfel-Reservoir; ihre Jackentaschen sahen immer verbeult aus.

„Kannst du dich ein wenig um Leslie kümmern? Es ist ihr erster richtiger Tag ohne ihre Freundin an einem fremden Ort.“ Leonie klopfte mir wie einem ihrer Schützlinge auf die Schulter. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie wieder weiter zu den anderen tausend Dingen, die ihr Tageswerk ausmachten.

Na klar konnte ich und Leonie wusste es. Wahrscheinlich zog mich sogar gerade diese Aufgabe an den Hof. Ich konnte nicht reiten und wollte auch nicht, doch ich konnte den Vierbeinern ohne Scheu nah sein. Ich genoss intuitiv ihre Reaktionen auf meine Anwesenheit. Sie suchten mich wie ich sie suchte. Nun hatte mich Leslie gefunden.

Ohne nachzudenken streichelte ich mit der rechten Hand immer noch den Kopf der Stute und meine linke Hand ertastete meinen blauen Stein in meiner Jackentasche, den ich seit ich denken konnte immer bei mir trug; in die flache Seite des Steines passte wunderbar mein Daumen, der automatisch die Glätte erfühlte und damit meinem Inneren absolute Ruhe verlieh. Er kam über Umwege zu mir. Eigentlich gehörte er meiner Großmutter. Als diese verstarb, räumte meine Mutter deren Sachen zusammen und sortierte aus. Als ich ganz nebenbei einen Blick in die Abfalltüte warf, sah ich nur dies Tiefblaue mit goldenen Sprenkeln; neugierig griff ich hinein und betrachtete mein Fundstück. Meine Mutter blickte kurz auf und winkte mit der Hand ab.

„Das ist Schnickschnack… nichts Wertvolles.“ Nun gut, das liegt meiner Ansicht nach immer im Auge des Betrachters. Als ich den Stein berührte war ich verloren. Er beruhigte mich, es fühlte sich nicht nur angenehm, sondern sehr angenehm an. So behielt ich ihn und trug ihn ständig mit mir herum.

Ich betrachtete Leslie. Pferde sind sehr eigenwillige Tiere; wobei ich mich manchmal davor scheute diese als solche zu definieren. Zur Definition gehörte, dass sie triebhaft und nicht vernunftbegabt seien; trifft das nicht auch auf viele Menschen zu? Worin besteht dann noch der große Unterschied? Sie sind Lebewesen mit der Gabe zur Liebe, Trauer und Verärgerung; na gut, zickiges Gehabe kam auch ab und zu mal vor.

Leslies sanfte Augen blickten tief in mein Innerstes. Als kennten wir uns schon seit Ewigkeiten. Ich lächelte sie an, einfach glücklich, weil sie da war und sie stupste ihre Nase immer wieder in meine Hand, ein Kennenlernen der besonderen Art. Niemand, der nicht mit Pferden zu tun hatte, konnte es nachempfinden. Nicht umsonst werden sie seit Urzeiten als ein Weg in eine andere Welt gesehen. Das Zusammensein mit ihnen war eine Möglichkeit, unser Dasein für einen Moment zu verlassen. Dies hörte sich nun sehr abgefahren an, doch wer unterschrieb mir den Schwur, es gäbe nicht noch viel, viel mehr zwischen Himmel und Erde als unser Vorstellungsvermögen es erfassen könnte?

„Na gut, ich komme mal ein bisschen zu dir, was meinst du?“ Leise flüsternd krabbelte ich mit langsamen Bewegungen auf den Holzzaun und vergaß meine Arbeiten, die ich eigentlich noch vor dem Gespräch mit Leonie begonnen hatte; ein auch nicht ganz einfacher Makel an meiner Person: mein Fokus war fast immer und vollständig absolut. Ich konnte es mir auf alle Fälle schönreden. Mit ein klein wenig Skepsis betrachtete mich Leslie, schließlich kannten wir uns gerade mal zehn Minuten. Doch neugierig war sie. Der Apfel von Leonie war schon in ihrem Magen verschwunden. Auffordernd stupste sie mich an. „Ne, Süße, ich hab nichts mehr.“ Lachend streichelte ich ihre Stirnfransen. So begann unser erster gemeinsamer Tag, unzählige folgten.

Immer wenn ich etwas Zeit erübrigen konnte, legte ich Leslie ein Halfter um und verließ den Hof für einen Spaziergang. Wir streiften durch den ersten Schein der Sonne angrenzender Ebenen, trödelten durch brütende Hitze zwischen alten Eichen des Waldes am Mittag oder genossen auch das letzte Licht des Tages am höchsten Hügel der Nachbarschaft. Ich zeigte ihr jeden Grashalm und erlaubte ihr, beim benachbarten Bauern ein paar Äpfel vom Baum zu stibitzen. Ich kannte ihn und es machte mir nichts aus, wenn er uns dabei erwischte. Er grinste nur und wünschte uns noch viel Spaß.

Heute Morgen waren wir besonders früh dran. Das Land schien brummend zu erwachen: überall auf den Straßen wuselten Menschen geschäftig hin und her. Da ich meinen ersten Kaffee erst nach unserem Spaziergang bekommen würde, entschied ich mich noch ganz verschlafen für die ruhigeren Feldwege, um nicht schon so früh irgendwelche Gespräche führen zu müssen.

Wir umrundeten eine Biegung. Überrascht blieb ich stehen und horchte: Ein leises Schluchzen! Erschrocken beschleunigte ich meinen Schritt, rannte fast mit Leslie am Halfter um eine weitere Ecke und fand ein Häufchen Unglück am Boden sitzen. Ein kleines Mädchen mit blonden langen Zöpfen, einer zerschundenen Wange und Tränen in den Augen hielt sich ihr offensichtlich schmerzendes Bein. Zwei Meter weiter lag ihr Ranzen und ein ziemlich verbeultes rotes Fahrrad.

„Ach herrje!“, ich hockte mich zu ihr hin, „Wo tut’s weh?“

Anscheinend hatte ich es mit einer kleinen selbstbewussten Persönlichkeit zu tun, die nur für einen Moment außer Gefecht gesetzt worden war. Statt mir etwas von sich zu erzählen, zeigte sie anklagend auf ein ausgewaschenes Loch im Weg: „Das war gestern noch nicht da!“

Ich sah sie nur an. Mir war es wirklich unbegreiflich, was eine Schülerin auf diesem Weg am Rande des Waldes suchte. Doch auf solch eine Diskussion wollte ich mich nun nicht einlassen. Ich besaß reichlich Erfahrung mit meiner kleinen Nichte, die mich locker mit ihrem Diskussionseifer vom Wesentlichen abhalten konnte. Ohne also darauf einzugehen, schaute ich dem Mädchen eindringlich ins Gesicht:

„Wo hast du Schmerzen?“ Abgesehen von all den Schrammen, schien lediglich ihr Bein ein Problem zu sein. Ich probierte sie hinzustellen. Sie schrie auf.

„Autsch! Das geht nicht! Ich kann nicht gehen!“

„Gut, dann reitest du auf Leslie. Irgendwie müssen wir dich nach Hause bekommen. Wie heißt du eigentlich?“

Kurz entschlossen umfasste ich ihre Taille und wollte sie hochheben.

Fast schreiend wand sie sich aus meinen Armen. „Ich heiße Emma und ich geh da nicht rauf!“

Oha! Etwas verblüfft schaute ich sie an. „Warum nicht? Das ist Leslie, sie ist wirklich ganz lieb.“ In diesem Moment wandte sich Leslie zu uns herum und stupste mich an. Ich wusste, sie wollte eigentlich weiter gehen, aber das verriet ich nicht.

„Siehst du, sie meint es auch!“ Mit großen Augen betrachtete Emma das aus ihrer Perspektive übergroße Pferd.

Zweifelnd schüttelte das Mädchen den Kopf: „Mein Bruder ist schon runtergefallen, der war überall blau.“

Ich holte tief Luft. Meine Geduld bewegte sich langsam in den kritischen Bereich. Automatisch rutschte meine Hand in meine Jackentasche, fühlte das Glatte meines Steines und zog ihn dann heraus, um ihn Emma zu zeigen.

„Siehst du den? Den leihe ich dir für einen Moment. Das ist ein magischer Stein, der beschützt dich und hält dich fest.“

Mit runzelnder Stirn schaute das Mädchen in meine Hand: „Mama sagt, dass es so was nicht gibt, das gibs nur im Märchen.“

Jetzt war ich überrascht und irgendwie ärgerlich. Ich wusste auch warum. Jetzt musste ich mir von so einem kleinen Zwerg erzählen lassen, dass ich unrealistisch durch die Welt wanderte. Vielleicht trug diese Tatsache dazu bei, dass ich nun ein klein wenig vehement wurde:

„Hier, halt fest“, ich drückte Emma den Stein in die Hand, hob sie hoch und setzte sie unter Protest auf Leslies Rücken. Erschrocken krallte sich das Mädchen in der Mähne fest. Fast paralysiert starrte sie auf den Hals des Pferdes. Ich nahm die Zügel, hob noch den Ranzen auf und ging ohne Worte wieder in Richtung des Dorfes. Die nächsten hundert Meter sagte Emma kein Wort, doch ich merkte, dass sich ihre Züge etwas entspannten. Geht doch. Zwanzig Minuten später standen wir vor Emmas Zuhause und ich konnte das kleine Mädchen der Mutter übergeben. Ich verabschiedete mich und ging mit Leslie wieder in Richtung des Pferdehofes.

Dort brachte ich sie auf die Koppel zu den anderen Pferden, holte mir aus der Küche einen Becher Kaffee und setzte mich damit auf den Holzzaun, um den Tieren zuzuschauen.

Auch ich war still geworden. Ich holte meinen Stein wieder aus der Tasche, den mir Emma noch mit einem vielsagenden Blick wieder in meine Hand gedrückt hatte. Die goldenen Einschlüsse glitzernden im Sonnenlicht. Während ich ihn betrachtete, trank ich meinen ersten Schluck Kaffee; er schmeckte genauso, wie der erste Schluck schmecken sollte. Trotzdem war etwas nicht richtig.

Leslie hatte mich entdeckt und trabte freudig auf mich zu. Ganz still stellte sie sich an das Gatter, so dass meine Beine ihre Wärme spüren konnten. Es gehörte schon fast zu einem Ritual, dass ich ihren Rücken nach meinem Kaffee massieren würde.

Sinnierend ließ ich die vergangene Stunde Revue passieren:…Magie gibt es nur im Märchen…diesen Satz unterschrieben viele Menschen. Ich nicht. Vielleicht gab es nicht die Magie aus einer Disney-Verfilmung, die etwas Wunderbares von jetzt auf gleich möglich machte; der Kürbis würde nicht vor meinen Augen zu einer Kutsche erwachsen…doch mit dem Wachsen hatte es eindeutig zu tun. Es geschah etwas Wunderbares. Warum? Das wusste nur der Himmel, doch es stand immer in Verbindung mit dem Einzelnen inmitten Vieler; nichts geschah losgelöst. Wir sahen es nicht immer und suchten uns deshalb Dinge, die uns fokussierten und festhielten; ich blickte auf meinen Stein.

Was hieß das nun für mich? Ging ich die Brücke der absoluten Verneinung an dessen Ende Emma und ihre Mutter standen? Oder blieb ich mit meinen Empfindungen davor stehen, drehte mich zu etwas Unbekannten um, damit endlich meinen Überzeugungen auch ein Handeln folgte? Auch dort wäre ich niemals allein…

Ich warf meinen leeren Kaffeebecher hinunter ins weiche Gras und betrachte Leslies Rücken. Pferde konnten den Menschen in neue Welten tragen…