Die Bunten unter sich

Etikette ist in meinen Augen eine notwendige Symbolik für das Herz, ein Zaun, an dem ich mich festhalten kann und auch eine gezeigte Wertschätzung an mein Gegenüber. Es ist aber nichts Starres, das unflexibel eine leere Hülle zeigt, die das Eigentliche nicht mehr vermitteln kann. Sie kann und darf bei veränderten Umständen eine Anpassung erfahren, die dann auf ihre Art und Weise wieder etwas Neues entstehen lässt; denn sie ist ein Konstrukt, das uns hilft, auch ohne Worte etwas zu sagen. Natürlich könnte ich gänzlich darauf verzichten, doch warum sollte ich ein Papier reißen, wenn eine Schere daneben liegt?

Manchmal sind die Dinge, wie sie sind. Unsere Trainer mussten einer nach dem anderen leider absagen. Krankheit und Beruf hielten sie im eisernen Griff und sechs Aikidoka standen in der Umkleide, um kurz darüber zu sprechen. Wobei „sprechen“ eigentlich zu viel der Worte wäre; wir schauten uns an und es gab keine andere Deutung der Blicke: Wir wollten trainieren. So fanden sich zwei Braungurte, ein Blaugurt und drei Grüngurte auf der Matte wieder, die sich heute zum ersten Mal wieder ganz kühl anfühlte.

Der übliche Ablauf eines Trainingsabends beinhaltet ein kniendes An- und Abgrüßen: der Lehrer sitzt seinen aufgereihten Schülern gegenüber, damit er sie alle sehen konnte. Nach einem Moment der Stille und den obligatorischen Begrüßungsworten beginnt dann normalerweise das Aufwärmen.

Irgendwie hätte es in dieser Form heute nicht gepasst, doch wir wollten auch nicht zu sehr von dem Üblichen abweichen; es hätte sich nicht gut angefühlt. Ohne darüber nachzudenken setzten wir uns in einen engen Kreis. Als ich hier mit meinen Trainingspartnern saß und meine Augen schloss, um einen Moment in die Stille zu horchen, musste ich lächeln, weil ich mich einfach freute. Der Kreis war ein Symbol des Zusammenschlusses. Er war ein ausgedehnter Punkt, ein Symbol des in sich Gleichen und das waren wir; wir waren gleich und wollten das Gleiche.

Drei Paare trainierten nun an den Aufgaben, die sie sich selbst mit ihrem Partner stellten. Natürlich war ein Trainieren „ohne Aufsicht“ ein klein wenig lauter, ein klein wenig unkonventioneller und dadurch auch weniger korrekt. Trotzdem fehlte es absolut nicht an einem Fokussieren, an einem konzentrierten genauen Hinsehen, in dem was wir taten. Beide Braungurte ließen immer wieder ihren Blick schweifen, um Hilfe dort anzubieten, wo sie notwendig war. Dann gab es ein gemeinsames Hinsehen, darüber reden und ausprobieren. Von oben betrachtet mussten wir wie Punkte wirken, die hin und her wuselten, sich anzogen und wieder auseinander drifteten und doch einen gemeinsamen Rahmen nicht verließen.

In den letzten zwanzig Minuten zeigten normalerweise Aikidoka paarweise in einem freien Angriff das Gelernte. Wem hätten wir nun etwas zeigen wollen? Unsere Konstellation war auf eine andere Weise perfekt. Wir stellten uns deshalb in zwei Dreier-Reihen gegenüber. Jeder durfte sich eine Technik mit einem bestimmten Angriff wünschen, der dann mit dem Gegenüberstehenden wechselseitig ausgeführt wurde. Nach viermaligen Wiederholungen veränderten wir die Aufstellung und rückten seitwärts eine Position weiter, um eine neue Technik mit einem neuen Partner ausführen zu können.

So trainierte Jeder mit Jedem bis sich das Ende der Hallenzeit näherte. Völlig außer Atem, schwitzend und sehr zufrieden saßen wir wieder in unserem Kreis, um uns zu verabschieden. Wieder übernahmen wir eine Form, die das zum Ausdruck brachte, was wir durch unser gemeinsames Training zelebrierten: Verbundenheit.

Etikette besitzt heute für so manchen einen zu festgefahrenen starren Charakter, da es als ein Vorschreiben des eigenen Verhaltens empfunden wird. Doch ist es nicht ein einseitiges Betrachten eines Gegenstandes ohne den Sinn darin überhaupt erkennen zu wollen? Wir fanden unsere eigene Etikette, die uns mit der heutigen Konstellation genau das Gefühl schenkte, das wir suchten. Niemand von uns wollte das Formlose, denn die Form symbolisierte genau das, was wir waren: eine Gruppe.

 

_____
Trainingsort: http://aikido-kaltenkirchen.de/