Des Kauzes Ruf

Kälte empfinde ich nicht, denn mein Fokus hat sie vergessen. Nebel steht in der Luft, aufkommender Regen fällt auf weichen Boden. Vermengt verblasst der Unterschied und beides liegt auf meinem Gesicht.

Tiefe Dunkelheit umkreist die Dämmerung, lässt nur noch Grautöne spielen, um die Richtung zu weisen: Schotter, Bäume, Graben, Steine, Oben und Unten. Die Bühne des Waldes nimmt den Vorhang zurück. Eine Rauhnacht beginnt.

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Ich verharre in meinem Gehen, bleibe stehen und blicke nach oben. Baumkronen schwanken, nicken einander zu. Sie sind im Fluß und doch im Schlaf. Dennoch rührt sich etwas, leise, fast ohne Geräusch. Der Nachhall der Bewegungen zeichnet Spuren in meinem Sinn. Gebannt schaue ich hoch.

Hinter den Dunkelheiten schwingt es heran; ein weicher Laut, lang gezogen, als rolle er sich selbst wie ein Schmetterlingsflügel über die Wipfel aus; einen Ton später sinkt er verwandelt herab.

Wartend horche ich in das Dunkelgrau. Ein zweiter Ruf folgt, ein Nachsatz, ein Betonen, ein Ganz-bestimmt. Ein Hu-Huuuu, das aus Kindertagen bekannt zu einer Nacht gehört, wie ein Stern, wie ein Mond, wie ein Wunsch am Ende eines Lichtstreifs, der wunderschön einen Bogen malt.

Eine Erwiderung folgt: anders, lauter, klar und bestimmt. Viel mehr im Jetzt verhaftet antwortet ein „Komm mit“. Überrascht horche ich weiter. Wie sehr überschreibt mein Verstehen-Wollen den Ruf! Und doch kann ich nichts anderes hören, als diese Worte, die mir so klar erscheinen, als riefe ein Vogel mit Menschenlauten in die Nacht hinein.

Wie gern möchte ich erkennen! Doch alles scheint vertauscht, mein Gefühl des Hier und Dort, mein Nicht-sehen mit dem Ganz-genau-hören. Nur das Herz schlägt ruhig und spürt; da, wo es ist.

Ich halte inne und freue mich, …

wir sind eins!

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Wissenswertes über Waldkäuze:

https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/vogel-des-jahres/waldkauz/21259.html