Farbiges Schwarz-Weiß

Da waren wir nun: der ältere Herr und ich, sein Terrier mit dem Kopf auf meinem Fuß, ein schmaler verschnörkelter Schachtisch, zwei Stühle, ein kleiner Teich und die heiße Nachmittagssonne in einer Ecke des Gartens, die partout durch die Blätter der Eberesche zu uns hindurchschauen wollte. Ab und an hörten wir die gelben Frösche von den Seerosenblättern ins Wasser planschen, während Schmetterlinge den auf der anderen Seite voll aufgeblühten lilafarbenen Sommerflieder einen Besuch abstatteten.

Allen war ziemlich sehr warm. Immerhin traute sich ein leichter Windzug heran, als wüsste der Himmel, dass wir sonst wegschmelzen würden, wenn nicht irgendetwas dabei half, die Hitze zu überstehen.

Wir plauderten über dies und das. Und ganz beiläufig, irgendwo zwischen den Worten, zog ich meinen Springer, als rückte ich nur etwas zurecht oder brächte etwas an seinen richtigen Platz. Wenn es gut lief und die Unterhaltung nicht abbrach, bemerkte mein Gegenüber nicht, dass sein Boss auf dem Feld in zwei Zügen bedauerlicherweise ein Ende fand, vorausgesetzt diese Tatsache flog vorher nicht auf.

Meine Schwierigkeit lag nun darin, nicht über mich selbst zu stolpern: Es ist überhaupt nicht einfach, wenn ich hibbelig auf etwas wartete! Versuche da mal einer nicht darauf herumzudenken und den Ort des Geschehens zu ignorieren!

Ein kurzer Blick zum Gesicht des Gegenübers. Puh, da wird an einer eigenen Strategie herumgebastelt. Innerlich seufzend wurde mir bewusst, dass diese Tatsache überhaupt nicht beruhigte, denn der Besitzer der weißen Figuren sammelte bereits über vierzig Jahre Spielerfahrungen! Also ein klitzekleines Problem.

Doch ich blieb cool. Selbst sein etwas kritisches Augenbrauen-Hochziehen, wenn ich nicht alle Möglichkeiten bedachte und eventuell den nicht vorteilhaftesten Zug anstrebte, nahm ich wie eine ganze Frau. Nicht selten entschieden fragwürdig erscheinende mimische Ausdrucksweisen das weitere Vorgehen, sei es beim Schach oder im richtigen Leben. Aber das klappte hier nicht mehr. Die Regel des Berührens-und-ziehen-müssens schaffte ich für uns ab und irgendwelche zeitfressende Stoppuhren fand ich schrecklich. Also nahm ich den „Rat“ einer Augenbraue ruhig an und dachte dann nochmals über einen Zug nach.

Ein Schmetterling flog einen größeren Bogen, umrundete die Spielfläche, flatterte zwischen uns beiden hin und her und überprüfte ebenfalls die Sachlage. Ich musste lachen und freute mich über seinen Besuch.

„Schach!“

„Was?“ Irritiert schaute ich auf das Feld zurück.

Jetzt zog ich meine Augenbrauche hoch! Ich hatte mich ablenken lassen! Oh man, und schon bewahrheitete sich das, was kluge Leute bereits vor vielen Jahren sagten: Wenn du über einen guten Zug verfügst, achte darauf, ob es nicht noch einen besseren gibt … Schlagartig schlich sich das Gefühl der Hitze wieder in den Vordergrund. Ich konnte überhaupt nicht denken, wenn es so heiß ist!

Aufgeschreckt durch meine Überraschung schaute mich der kleine Hund an, sah den Schmetterling und jagte diesem trotz des Backofens hinterher. Zum Glück war der Bunte bereits in einer Höhe, die der Vierbeiner nicht erreichen konnte. Nun ja, einen Versuch war es in seinen Augen wert. So schaute ich wieder auf die Figuren. Hmmm …

Zufrieden mit sich und guter Laune lächelte mich mein Gegenüber an: „Vielleicht einen Kaffee?“

Mir wurde bewusst etwas Zeit gelassen, damit ich aus der Misere heraus kam. Echt nett! So nickte ich dankbar und betrachtete all die möglichen Züge. Ich gehörte nicht zu den Menschen, die endlos vorausdachten. Im Grunde lag es wohl daran, dass ich es für sinnlos erachtete. Der Einfluss durch das Setzen des anderen brachte so oder so alles gewaltig durcheinander. Also, warum nicht lieber Stück für Stück die Sachlage betrachten? Es ist schließlich nur ein Spiel und das sollte es auch bleiben.

Wieder flog ein Schmetterling über das Schachbrett zum Baum und zog meinen Blick mit sich. Auf manchen Blütensträngen saßen zwei oder drei. Die Wärme schien ihnen überhaupt nichts auszumachen. Reges An- und Abfliegen entfaltete noch mehr Schönheit, die er mit einem leisen Wippen der vielen Blüten zu unterstreichen schien. Ein quirliger Spielplatz.

Dampfender Kaffee mit Milch unterbrach meine Betrachtung. Oh, das ging schnell! Hatte er sich eine neue Kaffeemaschine zugelegt, die in null Komma nichts etwas Heißes produzierte? Ich mochte immer noch am liebsten den ganz einfach Aufgebrühten, den ohne Schnickschnack. Vorsichtig nippte ich, alles gut.

Dann zeigte sich der ultimative Zug. Meine Güte! Das war es! Etwas argwöhnisch schaute ich kurz hoch. Übersah ich wieder etwas? Wo war der Haken?

„Kaffee hoch!“

Plötzlich wirbelten die Figuren durch die Luft. Einige landeten bei den Fröschen, einige in den Büschen und die meisten verstreuten sich schön verteilt über die Rasenfläche. Der kleine Tisch lag umgekippt einen Meter weiter und der Terrier verbellte die davonschwirrende Libelle, die es gewagt hatte, uns zu nahe zu kommen.

Für einen Moment saßen wir verblüfft mit unseren Kaffeebechern da, dann hielt uns nichts mehr. Wir lachten und lachten …

Er schloss die Holzschachtel mit den erfolgreich wieder eingesammelten Figuren und schaute mich zufrieden an:

„Ein perfektes Spiel!“

Fand ich auch.

Fotografierter Ausschnitt, „Schachspieler“ von Ernest Meissonier (1815-1891)