Die betrachtete Beobachterin

Das Auto parkte ich etwas wagemutig am Ausgang der Hofausfahrt, doch mir blieb nichts anderes übrig. Ich war spät, zu spät. Galt es als Entschuldigung, wenn mir der Ort nicht bekannt war und ich erst mühevoll nach der Hausnummer suchen musste? Die Vernissage begann bereits vor zehn Minuten! Ach was, ich kann mich bestimmt irgendwo dazwischen mogeln. Sehr zufrieden mit mir selbst betrachtete ich das Schild über dem Eingang. Ich hatte alles gefunden und der Abend konnte losgehen.

Die Tür klemmte, also zog ich etwas. Sie gab ruckartig nach und klappte deshalb mit richtig viel Schwung auf. Ein kleines Glocken-Spiel klirrte etwas hektisch und ich hätte genauso gut rufen können: Ta-ta, ich bin da!

Ich verharrte in meiner Bewegung. Gut 30 Menschen starrten mich an und ich starrte etwas paralysiert zurück. Unglücklicherweise stand das Podium direkt neben der Tür und ich platzierte mich durch das Öffnen in Armeslänge neben dem Moderator, der gerade den Künstler vorstellte. Vielleicht hätte mir eine witzige Bemerkung einfallen können, doch die kam nicht.

Dafür gluckerte bei mir aufgrund der kuriosen Situation ein leises Lachen an die Oberfläche und hinterließ seine Spuren auf meinem Gesicht. Suchend schaute ich herum, um irgendwo eine Lücke zu finden, die mich dazu einlud, in Bewegung zu kommen.

„Sie dürfen gern hereinkommen!“ Der Moderator lächelte geduldig und zeigte mit einer einladenden Handbewegung in den Raum. Netterweise half mir eine junge Frau, indem sie einfach etwas zur Seite schritt und mir ein Stück freie Wand anbot. Ich war echt dankbar.

Der Redner nahm seinen Faden auf und webte weiter an seinen Überlegungen, die er gerade mit allen teilen wollte, bevor er von mir unterbrochen wurde. Ich betrachtete die Menschen um mich herum. Die meisten Gesichter schauten nach vorn, um den Worten zu folgen; manche filmten mit dem Handy, manche warteten und traten von einem Fuß auf den anderen und manche flüsterten leise mit dem Nachbarn. Vermutlich zeigte sich bereits hier die bunte Intention des Hier-Seins.

Nun betrat der Künstler das Podium, sodass meine Aufmerksamkeit wieder nach vorne rutschte: Schwarzes Hemd und Jeans plus lässigen Ausdruck, der seine jahrelange Übung mit solchen Situationen spiegelte. Er erzählte von seinen Anfängen, von berühmten Künstler-Kollegen, mit denen er zusammen studierte, von einer berühmten Schülerin, die durch seine Hilfe bereits große Aufmerksamkeit in der Welt erfuhr und letztendlich ein klein wenig über das zusammen fassende Thema der Ausstellung. Fertig.

Das war nicht so lang. Schade, das, was mich interessierte, kam ein klein wenig zu kurz. Nun gut, vielleicht sollte ich es mir selbst erarbeiten. Also begann ich mit meinem ersten Rundgang:

Die meisten Bilder zeigten Öl auf Collagen. Am liebsten hätte ich sie angefasst, einfach um genauer wahrzunehmen, wo das tatsächlich Gemalte begann. Ich nahm vorsichtshalber meine Hände am Rücken zusammen und blieb bei der Betrachtung. Es waren schließlich keine Skulpturen, die mit der dritten Dimension den Betrachter einfangen wollten.

Die meisten Motive zeigten Menschen, die sich zurückgezogen von einem Außen distanzierten. Obwohl die zugrunde liegenden Bilder intensive Farben beinhalteten, nutzte der Künstler mit seinen Ölfarben nur ein Gemenge, das in einem Grau-blau-dunkel-Verwaschen endete. Schwierig! Ich mochte fröhliche warme Farben, ich mochte das Gegenüberstellen sich ergänzender Farben, ich mochte auch das Spiel innerhalb bestimmter Farbschattierungen, die sich gegenseitig betonten, selbst wenn der Eindruck später nur in einer einzigen Farbe zusammenlief. Farben schenkten so viel!

Bereits beim zweiten Bild schimpfte ich mit mir selbst. Eigentlich wollte ich doch den ersten Rundgang ohne jegliche Bewertung auf mich wirken lassen! Da bin ich echt nicht weit gekommen! Ich bemühte mich wirklich um ein offenes Empfinden. Das klappte nur nicht besonders gut.

Das Verwaschene, Unklare, dies in einen Schleier Gelegte machte mich traurig, nachdenklich und dämpfte das Quirlige, Hüpfende und selbst Gewebte. Einen Moment verharrte ich. Oder sollte es so sein? Wenn Kunst das grenzüberschreitende Ich darstellt und einen Teil von einem selbst zum Ausdruck bringt, um das Außen damit auf seine Art zu vermengen und vielleicht sogar zu verändern, ist es vielleicht die Traurigkeit des Künstlers, die hier durchschien? Ich lugte zu ihm hinüber, so traurig kam er mir gar nicht vor.

Ich begann meinen zweiten Rundgang. Nun wollte ich meine Empfindungen verstehen. Was lag in den Bildern? Was irritierte mich? Was erzählten sie über die Welt des Schaffenden und was erdachte dieser als Mitteilung für den Betrachtenden? Ließen sich Fäden zu bestimmten Themen ziehen?

Hmm. Eines musste ich dem Künstler lassen, seine Bilder blieben nicht neutral für den Betrachter; sie wirkten, als flössen die Emotionen zu jedem, der unweit davor stand. Als ich vor einem für mich wirklich verstörenden Bild ankam, trat ich deshalb unweigerlich einen Schritt zurück, bemerkte es und ging schnell weiter.

So landete ich schließlich vor einem Bild mit einer jungen schmalen Frau, die einfach da stand. Ihre Haare fielen strähnig herunter, die Kleidung hing, irgendwie zeigte alles an ihrer Haltung Traurigkeit. Ihre rechte Hand verdeckte die Augen, aber nicht ganz, nur so, dass sie zu Boden blicken konnte. Vielleicht war es ein Verdecken, damit niemand den Zugang zu ihrem Inneren fand oder ein sich Weg-Wünschen oder schlicht ein Zurück-Ziehen.

Ich blieb und betrachtete. Kleinigkeiten fielen mir ins Auge, veränderten mit jedem Wahrnehmen mein Empfinden und veränderten damit auch meine Einschätzung über die junge Frau; beides schien sich zu bedingen. Das Traurige verflüchtigte sich und anstelle dessen trat die Wichtigkeit ihrer geraden Erscheinung, das einfach Dort-stehen-Wollens und des sich bewussten Herausnehmens aus der Welt. Ist das nicht eine Stärke? Es ist nicht immer einfach, sich zurückzunehmen und sich von einem Außen nicht beeinflussen zu lassen.

Ich musste lächeln. Was veränderte nun? Ich? Weil ich inneren Raum schaffte, der überhaupt ein Einreihen in meinen Empfindungen möglich machte? War es meine Bewertung, die jeden Ausgang möglich werden ließ? Oder bestimmte das Bild mein Empfinden, weil es so eindeutig gewollt durch den Künstler in Szene gesetzt wird, sodass mir nur der Genuss, mein Missfallen oder die Flucht blieb?

Also betrachtete ich sie. Ich mochte diese Frau, diesen Menschen, der auf eigenwillige Weise, in einem eigenwilligen Moment, verbunden mit eigenwilligen Farben mich als Betrachterin in ihre Welt zog.

Kunst …

wunderschön.

Das wirklich Wunderbare an Kunst ist die Tatsache, dass sie immer wieder bewegt, sei sie in der Nähe der eigenen Vorstellungen oder nicht. Sie ist kompakt, persönlich und ein Teil des Menschseins, das allemal eine gute Grundlage für Gespräche bietet oder einfach nur das eigene kreative Potenzial auf wundersame Weise klingen lässt.

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Vielleicht muss sich das Innerste außerhalb von Minuten und Stunden bewegen, außerhalb jeglicher Bewertung, die uns glauben machen will, dass jedes Ding für sich nur an einem bestimmten Platz um uns herum sein darf. Schubladen laden immer wieder zum Verpacken ein. Wie einfach lässt sich dadurch übersehen, wie wenig die Dinge eigentlich dort hinein gehören.


Anm. z. Titelbild: PHOTO by RhondaK Native Florida Folk Artist