Der unsichtbare Pfad

Wie oft wird uns gesagt: Konzentriere dich! Gehe gezielt an etwas heran! Trödele nicht! Meine Güte, wo bleibst du? Ohne es zu bemerken, stehen wir vor einer steten Wahl zwischen Fokus und diffusem Erfassen. Üblicherweise entscheiden wir uns für eine Bündelung unserer Kapazitäten, die sich dann wie ein Laserstrahl durch die Aufgaben pflügt.

Aber manchmal fällt uns etwas in den Sinn und wir glauben viel zu oft noch, diese Idee käme aus unserem Unterbewussten und liegt bereits seit Ewigkeiten gut verpackt in uns herum. Doch Kreativität lässt sich nicht umbündeln, festzurren, wegschließen oder gar einfangen.

Sie fällt herunter wie ein Parfum, das in die Luft gesprüht einen Moment dort verharrt, damit es mit einem Hindurchschreiten von uns aufgefangen wird. Es schwebt vor unserer Nase, wie ein Geschenk, das wir einen Moment betrachten dürfen. Aber nicht zu lange!

Irgendwann zerfällt der Zugriff zu etwas Bestimmten. Die Idee wird wandern und jemand anderen finden. Manchmal erhaschen wir sie gerade noch am letzten Zipfel, aber stellen fest, zwei Häuser weiter wurde sie bereits gesehen. Schlimm, wenn wir durch einen starren Fokus genau dies nicht bemerken oder sie wegen mangelnder Zeit wie etwas Störendes zur Seite schieben.

Wann glauben wir daran, dass bestimmte Dinge machbar sind oder nicht? Gehen wir von den üblichen Wegen ab, um ein Ziel zu erreichen? Wie groß ist unsere Bereitschaft, einem gedanklichen Ansatz Leben einzuhauchen, damit er sich im Tun tatsächlich wiederfindet?

Es ist überhaupt nicht einfach, sich anders zu verhalten, wenn das Grau des Winters allgegenwärtig über uns schwebt …

… doch wir sollten es unbedingt probieren: die Augen schließen, hindurchgehen und mit einem breiten Lächeln merken, dass etwas Wunderbares an uns haften bleibt!

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Immer wieder hören wir, wie wichtig Fokus und Konzentration unser Tun begleiten sollte und dabei wird völlig übersehen, dass dies nur ein möglicher Weg ist, sozusagen die eine Seite des Mondes. Für die andere Seite braucht es den anderen Pol, ein Vorwärtsgehen ohne Absicht.

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In meiner Vorstellung verkleide ich mich und flaniere mit einem Zylinder[1]auf dem Kopf einen Pfad entlang. Passend dazu trage ich einen weißen Seidenschal und einen schmalen Gehrock. Aber auf Handschuhe verzichte ich, sonst könnte ich das silberne Löwengesicht auf dem Frackstockknauf nicht spüren. Et voilà! Ein weiblicher Flâneur[2].

Ich sehe das satte Schwarz auf den gepflügten Feldern, das Flirren der Blätter in den Baumwipfeln und fühle das Bunte der Blüten, als ginge ich durch das Ende eines Regenbogens. Es ist ein Entfalten, Wahrnehmen und damit Verflechten. Etwas Aufregendes geschieht, denn wir dürfen mit unserem Empfinden die Welt entziffern …

Was wollen wir mehr?


[1] Natürlich einem Chapeau Claque, denn ich liebe die Geste des Öffnens!

[2] Das bereits existierende „Flaneuse“ entspricht nicht der Bedeutung, die ich meine.