Wenn das Ich spielen geht

Da bin ich Kapitän eines großen Seglers, schlafe unter den Flügeln meines Drachens, kämpfe an seiner Seite gegen Engstirnigkeit, Intoleranz und Meeresungeheuer, schreibe Briefe, deren Tinte noch trocknen muss und fliege über das Meer, als sei es nur ein kleiner See hinter dem nächsten Hügel.

Ich tauche in das Jahr 1806: Internet, Computer und Handy existieren nicht; das Verweilen an Orten bleibt unentdeckt, die Ruhe der Völker gewahrt und Entwicklung geschieht nur aus sich selbst heraus.

So lebe ich im Kleide des Protagonisten mit seinen Gedanken, seinen Freuden, seinen Ängsten und erfahre von seinen Überlegungen zu all dem, was ihm widerfährt. Ich bin er und es fühlt sich nicht anders an, denn Blumen duften, Meeresspiegel glitzern, Freundschaften wärmen, Muster greifen und Dinge geschehen; schier unerreichbar und trotzdem in mir.

Denn ich wandere mit Worten zwischen den Welten …

PHOTO by Mohi Sakhaie on Unsplash

Bequem in einem Nest von Kissen halten meine Hände das Buch. Das Bewusstsein, fernab von der realen Welt zu sein, existiert nicht; selbst das Blättern von Seiten erreicht mich nicht, denn ich befestige gerade Seile am Hauptmast, damit der Taifun niemanden über die Reling ins Meer rutschen lässt.

Ich glaube, ich bleibe noch ein wenig …


Anm. z. Titel:

Ich bin ein großer Fantasie-Fan! Gelungene Umsetzungen entführen auf lange verspielte und abenteuerliche Reisen. Gerade lese ich von Naomi Novik „Die Feuerreiter Seiner Majestät“ und bin mal wieder hin und weg.

Lesen lässt die Auswirkungen von unbekannten Gedanken und Wertungen erfühlen. Es ist ein Ausprobieren, welche Resonanz die Sichtweise eines gänzlich anders gestrickten Menschen in einem selbst hervorruft.

Lesen ist einfach wundervoll!