Enterhaken

Mir war echt warm! Weit und breit zeigte sich keine Wolke und die Sonne tat ihr Bestes, um den Flair des Sommerlichen zu verbreiten. Eigentlich müsste hier auf dem offenen Platz noch trockenes Gestrüpp herum wehen, denn mit Helm, Motorradkleidung und Stiefeln kam ich mir wie ein Cowboy vor, der hier verabredet war. Nun ja, in gewisser Weise war dem auch so.

Nicht, dass man mich falsch versteht: Der Übungsplatz ist ein ziemlich guter Ort! Hier gab es keine parkenden Autos, keine Bäume, keine Bürgersteige, keine Ampeln, aber viieel Gras drum herum. Solche Aspekte hatte ich bisher völlig unterschätzt!

Heute sollte meine Hand-Fuß-Koordination geübt werden. Wenn alles gut lief, kümmerte sich meine linke Hand um Kupplungszug, Blinker (,der nicht alleine ausgeht!) und Hupe, die rechte übernahm Gas, Vorderradbremse und Startknopf, der linke Fuß veränderte den Gang und der rechte nahm sich der Hinterradbremse an. Die Reihenfolge variierte selbstverständlich je nach Situation, was es wahrlich nicht einfacher machte.

Mit Sprechfunkgerät und Kopfhörern verkabelt, komplettierte mein Fahrlehrer für die nächsten zwei Stunden meine innere Stimme:

„So jetzt fahr mal einen Kreis um mich herum entgegen dem Uhrzeigersinn.“

Klappte, klasse!

„Jetzt anders herum.“

Das ist nu eher geht so …

„Schau nicht auf dein Vorderrad oder nach vorn, schau dahin, wohin du fahren willst!“

Der Mann weiß schon, dass das gar nicht einfach ist, oder?

Das Händeln von Linkskreisen schien mir angeboren, das von Rechtskreisen dagegen weniger. Der Fokus ließ sich einfach nicht von der Maschine nehmen; vermutlich lag es daran, dass ich ihr sehr wohl ein Eigenleben unterstellte, jedenfalls nach den bisherigen Erfahrungen.

Nachdem ich das zweite Mal von der Spur abkam, überwand ich mich und veränderte den Blickpunkt.

„Geht doch!“

Geht wirklich!

Begeistert nickte ich. Nun ja, immer wieder mal verfiel ich darauf, ganz kurz den Fokus zu verlieren. Das kurze Wegschauen rächte sich aber: ich fuhr dann gerade aus, also das eine oder andere Mal … der Aufschrei meines Lehrers korrigierte da schnell:

„Schau wohin du willst!“

Mach ich doch! Ahhh, naja, vielleicht nicht so richtig …

„Ok, jetzt eine Acht.“

Alter Schwede, ich war grad der Schwierigkeit des Kreises entsprungen!

Es half aber nichts; Meter für Meter wurde ich dirigiert.

„Jetzt schaust du nach vorn, das Schild da und nun nach links zu mir. ZU MIR!!! Wo stehe ich? Ich stehe HIER!“

  Der Mann war einfach gnadenlos.

„Jetzt gleich wieder rechts, Lenkrad einschlagen. MEHR einschlagen!“

  Na klar, so kippen auch die Klippenspringer in die Tiefe, bei denen ist Wasser, bei mir Asphalt!

„HIER stehe ich!!!“

  Weiß ich doch! Meine Güte, ich geb mir echt Mühe!

„Na, siehste! Jetzt mal allein!“

   Hey, das geht echt gut!

„Also meine Acht geht anders …“

PHOTO by Blaz Erzetic on Unsplash

Anm. z. Titel:

Mein Fokus ist ein Wurfhaken mit Seil. Liegt er auf dem Problem, dann gehts zum Problem, liegt er auf dem Ziel, dann gehts zum Ziel.

Ich muss nur noch das Werfen üben …