Stück für Stück

Der Impuls kam mittig und in Form einer Handkante. Intensität und Genauigkeit stellte sich für einen winzigen Moment bildhaft in den Raum. Sich davon nicht beeindrucken zu lassen, war schon eine Schwierigkeit für sich, aber mittlerweile klappte das ganz gut, also meistens.

Innere Gelassenheit behalten zu können, egal, was da kommt, erschien mir eine von diesen gewaltigen Aufgaben, um die die Menschen ihr ganzes Leben lang ringen; die einen mehr, die anderen weniger. Wenn die Welle der äußeren Impulse das eigene Zentrum überflutete, versank Gelassenheit ins Nirgendwo wie Atlantis im Meer. Irgendwann beschloss ich, hinterher zu tauchen, denn das Meer war ich selbst.

Also …

So verbesserte ein kleiner Schritt zur Seite meine Ausgangslage. Die gegnerische Hand traf Luft und die Angreiferin verlor leicht ihre Stabilität. Meine Hände lagen nun auf ihrem vorgestreckten Unterarm.

Ohne Druck und Wollen lagen sie hier, als ruhten sie auf einem Regal, einfach so. Allein dieser Punkt forderte mich immens heraus. Im Training lief der Körper auf Hochtouren und besaß damit eine sehr klare Vorstellung über ein praktisches Tun, als wäre das innere Wollen ein Tiger, der sich nur schwer davon abbringen ließ, loszuspringen.

Also …

Ich wollte nun meinerseits einen Impuls entstehen lassen. Die Aufmerksamkeit ließ sich bündeln, aber dann? Wie konnte ich mein Gegenüber ohne Drücken oder Schubsen bewegen und im tiefsten Mark erreichen?

Auf einem Seminar fragte ich den Lehrer, wie ich dahin käme, es nicht nur zu verstehen, sondern auch umzusetzen. Er lachte und meinte „Trainieren, trainieren und nochmals trainieren! Jeder Fortgeschrittene kann dir nur die Richtung weisen, aber auf welche Art sich diese Tür öffnet, das muss jeder für sich finden.“ Ich wagte nicht zu fragen, wie viele Jahre dies benötigen würde.

Also …

„Geduld und Spucke“ würde sehr selbstsicher mein achtjähriges Ich sagen und mir zunicken, um dann mit viel Spaß in den lockenden Baum zu klettern.

Ich lachte. Das ist doch mal eine innovative Wegbeschreibung …

Was hinter der Tür lag? Dahinter lag ein Aikido, das in einem Angreifer das Gefühl hinterließ, überhaupt nicht verstehen zu können, was gerade geschah und warum der angreifende Impuls der eigentlichen Intention nicht folgte, sondern sich plötzlich drehte und sich gegen den Ort des Entstehens wandte.

Es fühlt sich dann an, als trete man in einen luftleeren Raum, der überraschend und unvorhersehbar gleich einem schwarzen Loch im Universum alles kollabieren ließ. Das (!) gab es hinter dieser Tür, mir fehlte nur noch der richtige Schlüssel.

Kontaktarbeit ist ein riesiges Thema und sehr, sehr spannend. Es beleuchtet den winzigen Angelpunkt, wenn Angreifer und Verteidiger sich berühren. Was geschieht da wirklich? Welche Voraussetzungen müssen allein in mir selbst gegeben sein, um das Zentrum des anderen erreichen zu können?

Und wenn dies gemeistert ist: Was muss ich tun, um den anderen genau an dieser Stelle abzuholen, sprich ergreifen und halten zu können, egal, in welcher Verfassung er sich befindet?

Die Antworten werden sich finden lassen, Stück für Stück …