Des Drachens Schwung

Es nieselte. Diese Tatsache flackerte nur für einen winzigen Moment irgendwo in den hinteren Regionen meiner Wahrnehmung auf, also machte es nichts. Denn der Rest meines Bewusstseins war eindeutig gebannt, fasziniert, eingebunden und für unbestimmte Zeit an nichts anderes interessiert. Es zählte nur, was ich tat.

Neues lernen besaß immer schon seinen eigenen Reiz, vor allem, wenn es sich auf dem bunten Pfad der eigenen Leidenschaften bewegte; es schillerte, als säße man vor den bewegenden Flügeln einer Libelle und bräuchte nur mit dem Finger eine Brücke bilden, damit all die wunderbaren Farben zu einem selbst hinüberflossen.

Inmitten des nieseligen Tröpfelns des bedeckten Himmels hörten wir unserer Lehrerin zu: Sie sprach davon, wie die besondere Schwertform in Japan gelehrt wurde und wie viele Jahre die Schüler damit verbrachten, eine Sequenz zu verinnerlichen. Jede einzelne Bewegung fand ihre Perfektion in den unzähligen Wiederholungen. Das besaß mit Sicherheit sein Gutes, doch unsere Trainerin war auch davon überzeugt, dass der Freude durch ein Erkunden und Erforschen auch immer wieder Nahrung gegeben werden musste. Deshalb waren wir heute an einem Sonntag da: für ein Vertiefen, für ein Sehen der Bonbons, die noch etwas weiter hinten lagen …

Um jeglicher Verletzung entgegenzuwirken, arbeiteten wir mit dem Shinai; eine Waffe mit einem Bambuskern, der gänzlich in Leder gehüllt die Wucht misslungener Schläge gut abfederte. Denn diese besondere Schwertschule zeichnete sich auch darin aus, dass die Handhabung des Schwertes immer aus einem besonderen Blickwinkel erfolgte: jede Bewegung visualisierte das unglaublich scharfe Katana. Eine Drohung am Hals war eine wirkliche Drohung, es war keine Form. Ein schräger Schlag besaß die Intention des Zerteilens und nicht eines schwungvollen Aussehens und der Fokus des Schwertträgers umfasste sein Gegenüber, als stünde die Zeit still; denn Kashima ist bildhaft gewordene Intensität.

Bilder helfen, um den eigenen Körper in die richtige Richtung zu führen. Sie beinhalten ein mit allen Fasern verknüpftes Empfinden, mit dem wir dann in Verbindung treten. Diese bereits manifestierte Grundlage lässt uns mit einem offenen Herzen und mit einem sicheren Stand etwas Neues versuchen.

So fokussierte ich meinen Trainingspartner, der gleich mit einem direkten Bruststoß auf mich zukommen würde. Unsere Lehrerin bezeichnete die zu erfolgende Konterbewegung als Drachenschwanz; als großer Fantasy-Fan katapultierte es mich in die passende Vorstellung einer in sich geschlossenen Bewegung, die in meinen Gedanken sogar dem Geräusch, schuppiger Haut auf Stein, Raum schenkte.

Jetzt galt es nur noch das eigene Schwert in diese Vorstellung einzuschwingen. Leichter gedacht, als getan … wie schnell entstand ein Wegschlagen, dass das Shinai von seinem Ziel wegdriften ließ und damit auch mich selbst aus der Linie brachte. Der Impuls brauchte eine Führung. Mit dem Bild im Kopf wurde klar, dass diese nicht mit einem Lineal zum Ziel führte. Drachen schlängeln und schlängeln hieß, sich gleitend in Windungen fortbewegen.

Ich kam um unzählige Versuche nicht herum, doch irgendwann bemerkte ich ein Annähern zwischen dem Bild und meinem Tun, als vergliche ich die Silhouette zweier Puzzlestücke im Gegenlicht der Sonne. Spannend … und aufregend schillernd …

die Farben fanden ihren Weg.

Wir konnten Dinge einfach tun oder sie mit dem Bewusstsein des letzten Momentes vollbringen; wir konnten etwas als schön empfinden oder es ließ unser Herz himmelhoch entflammen; wir konnten einfach daher leben, To-dos erledigen und Zeit verstreichen lassen oder unsere Hand ins magische Licht des Regenbogens legen.

Wir wählen, in jeder Minute, immer.