Der Schritt macht den Pfad

Völlig außer Atem stehe ich im Wind. Amseln hüpfen durch das frische Gras. Sie suchen und finden, so, wie ich es für mich erhoffe, denn ich suche das Finden. Wo ist es? Wo finde ich den roten Faden? Ich möchte, dass mein Körper weiß, was er tut. Ich möchte, dass er den Spiralen folgt und sich nicht von meinem Kopf mit all seinen Überlegungen einschränken lässt.

Was gibt es hinter den Grenzen, die so oft unüberbrückbar zu sein scheinen? Ich bin davon überzeugt, dass uns das Leben überrascht, wenn wir ihm gedanklich Raum für Neues zubilligen. Die Herausforderung ist, sich selbst mit den derzeitigen Möglichkeiten auszuprobieren; zu spüren, ob man es wirklich ernst meint mit dem Leben, das uns täglich begegnet, zu spüren, ob Umwege wirklich welche sind oder ob sie nicht das Eigentliche erst in der richtigen Form darbieten, sodass es für uns erkennbar wird. Heute gibt es keine Säbelzahntiger mehr, heute gibt es in unseren Breiten nur noch uns selbst. Jeder findet für sich heraus, welche Herausforderung größer ist.

Mein Bokken folgte dem Wind, als verbünde er sich mit ihm; er stellte sich ihm entgegen, als kämpfe er gegen einen unsichtbaren Gegner und er fand das irgendwo Dazwischen, das ihm die Wahl ließ. Es war der innere Fokus, den wir selbst bündelten. Wir ließen etwas aus uns heraus entstehen und wandelten doch auf tausendfach von anderen Seelen gegangenen Wegen; so verband sich Neues mit dem Alten.

Die Kampfkunst kreiert eine Situation mit viel Energie und Impulsen. Sie öffnet den Blick für Vorhandenes. Wirbelnde Bewegungen zeichnen ihr eigenes Muster und hinterlassen den Ton ihrer Intention im Miteinander. Der geschützte Raum auf der Matte entnimmt den Angriffen ihre inne liegende Bedeutung und zieht sie dann als ungefährliches Konstrukt zur Übung heran.

Die entstehenden Impulse sind fließend; sobald sie zum Stillstand kommen, lösen sie sich in Luft auf und vergeben ihre Existenz. Aikido lebt von Energie, von Bewegung, von dem Kommenden, was immer es ist. Natürlich gibt es Momente, in denen wir aus dem Stand heraus, etwas ausprobieren müssen, wie einen Tanzschritt, der sich dann anschließend mit ganzer Macht in die drehenden Sphären legt.

Mein Auge fing Bewegung zu meinen Füßen ein. Eine Amsel traute sich mutig heran. Nur drei Schritt entfernt wurde sie fündig; vor dem Wegfliegen schaute sie nochmals prüfend zu mir hoch. Ich verharrte in meiner Bewegung. Nun hatte sie gefunden, wonach sie suchte und dann? Dann begann wieder alles von Neuen. Sie würde wieder suchen … ihr Leben lang. Die Amsel flog davon und ich betrachtete meinen in den Händen haltenden Bokken, dessen Holz mir in der Sonne besonders hell erschien.

Was würde ich tun, wenn ich fand, was immer es sein mochte? Würde ich aufhören zu suchen? Sehr wahrscheinlich nicht. Welchen Sinn hatte es, dann zu suchen? Welchen Sinn hatte es, prüfend auf Ergebnisse zu schauen, das eigene Vermögen auseinanderzunehmen und es immer wieder in ein Gelungen oder nicht Nicht-Gelungen zu sortieren? Ist ein Suchen nicht ein Herausfordern, als zöge ich an den Grashalmen, damit sie schneller wuchsen?

Was geschah denn, wenn ich trainierte? Ich übte an meinen Fertigkeiten und versuchte meinen Körper von Widerständen zu befreien, die durch unstimmige Techniken und fehlende Geschmeidigkeit entstanden. Denn ich wusste nur zu genau: Wenn in einem Moment alles stimmte, die Bewegung, das Hineinfühlen in den äußeren und inneren Energien, dann fühlte sich mein Körper wie eine Feder an, die durch warmen Sommerwind getragen wurde. Diese Leichtigkeit vermochte jeglichen heftigen Impuls aufzunehmen und auslaufen zu lassen.

Nicht ein Suchen führte dann meinen Weg, sondern das Trainieren, das stete Einfühlen in ein Tun und vor allem, ein daraus Erleben.

Im Training bündelten wir das, was uns ausmachte und schenkten es unserem Gegenüber, hundertprozentig und in einem vollsten Maße. Wir verschenkten uns für den Moment und fingen mit unseren Händen Impulse auf, um sie dort wieder einzufügen, wohin sie gehörten, nämlich in ein friedliches Miteinander.

Aikidoka waren Puzzlesetzer: Sie nahmen ein Stück und fügten es dort an, wo es seinen Platz hatte, in uns selbst und gleichzeitig in uns allen. Wir legten damit unseren Weg, der niemals aufhörte, solange wir in Bewegung blieben.

Das ist der Do …

Do = jap. „Weg“, das untere Kanji …. habt Nachsicht, ich übe noch …