Weil es so ist …

Ich verstand etwas nicht. Ich verstand einfach nicht, wie es funktionierte. Jede mir vorstellbare Antwort erklärte es nur ungenau. Wahrscheinlich ging es den Menschen im Mittelalter genauso. Für sie war Unerklärliches Zauberei, da sich der zugrunde liegende Sachverhalt überhaupt nicht zeigte.

Vielleicht half es, ganz genau zu beschreiben, was ich wahrnahm. Vielleicht half aber auch nur das jahrzehntelange Üben, so wie der schwedische Trainer es uns immer wieder versicherte. Doch irgendwie wehrte ich mich dagegen, dass es keine logische Erklärung geben sollte, die meine Frage beantworten könnte.

Es war eine minimale Bewegung mit der Hand über die Haut, in Schleifen oder eher Spiralen, mit einer bestimmten Richtung und einem besonderen Winkel, mit dem vollständigen Wollen und Können des eigenen Zentrums, eventuell mit schwungvollen Richtungswechseln und ganz sicher mit einer Eleganz, die sich aus dem Gesamteindruck ergab. Ich kam mir vor, als stünde ich vor dem Kessel des Miraculix, gefüllt mit unzähligen geheimnisvollen Zutaten, gekrönt von Misteln, geschnitten mit der goldenen Sichel an einem Sechsten nach Vollmond auf einer Eiche. Also irgendwie schwierig …

Alle übten ernsthaft und Jorma ging durch die Reihen, damit jeder mit ihm trainieren konnte, um wenigstens ein Gefühl für die Auswirkung zu bekommen. Immer wieder sah ich andere Kleinigkeiten, die mit Sicherheit einen wesentlichen Bestandteil ausmachten. Vielleicht war es auch eher ein Konzept und damit komplexer als Worte es erklären konnten.

Nun stand ich mit einem Fortgeschrittenen da und versuchte mich erst einmal an der groben Umsetzung. Irgendwo musste ich anfangen, ein Gefühl dafür zu bekommen. Sehr geduldig lächelte mein Gegenüber, griff mich an und ließ mich üben.

Seufzend hielt ich in der Bewegung inne und starrte auf meine Hände. Langsam drehte und veränderte ich die Winkel im Verhältnis zu meinem Körper, achtete auf das Gefühl, ob mein Angreifer dadurch irgendwie die Balance verlieren würde und bemerkte nur die wenigen Auswirkungen auf mein Gegenüber. Das war noch nicht das, was ich mir vorstellte.

Mein Trainingspartner betrachtete mein angestrengtes Gesicht und lachte leise. Etwas entrüstet blickte ich auf. Nicht jeder hatte schon lebenslange Erfahrungen, die weiter halfen!

„Moment mal!“, murmelte er und ließ meinen Arm los.

Fragend schaute ich ihn an. Er fasste zu seinem exakt gebundenen Knoten des Hakamas. Mit dem Zeigefinger fischte er dahinter etwas Kleines heraus. Überrascht schaute ich auf das, was er mir nun unter die Augen hielt.

Ein kleines Papierstück, das normalerweise den Faden eines Teebeutels hielt, zeigte mir Worte:

Konzentriere dich nicht auf eine einzige Sache, achte auf das Allumfassende!

Lachend trainierte ich mit ihm weiter und das Papierstück verschwand wieder hinter der gebundenen Schleife.

Erst später dachte ich darüber nach; über die Situation, über die Fragen, die im Raum stehen, über die Dinge, die geschehen und welche eigenwilligen Momente oftmals die Antworten für einen weiteren Weg parat hielten. Waren sie nicht ebenso ein Konzept, das ich nicht verstand?

Was ist, wenn es gar nicht schwierig war? Vielleicht war es kein Puzzle, was einer Zusammensetzung bedurfte, sondern eher ein Kugelstoßpendel, das lediglich auf den richtigen Impuls wartete?

Vielleicht brauchten wir gar nicht den Zaubertrank fertigen, sondern nur probieren …


Trainer: Jorma Lyly, 6. Dan Aikikai

Trainingsort: https://kyushindo.de/


Anm. z. Bild:

Bokken mit geometrischer Zirkelblume (auch „Blume des Lebens“) (zeigt sich leider nicht auf dem obigen Bild, deshalb nachfolgend nochmals). Dies schon sehr alte Muster findet sich überall auf der Welt als Ritzungen, Malereien, Holzschnitzereien und symbolisiert u. a. das energetische Feld um den menschlichen Körper herum.