Gezähmtes Tohuwabohu

Es war nur ein bisschen schlimm, dass die letzte Milchflasche dem heißen Wetter erlag und sich in etwas stark Riechendes transformierte. Es war fast unerheblich, dass mein Fahrrad ein Loch im Vorderreifen aufwies und ich kein Flickmaterial fand, mein Schienbein an einem rostigen Nagel hängen blieb und nun einen schicken Kratzer präsentierte, die Bücherhalle mir mittlerweile die Erinnerungsschreiben über abgelaufene Bücher nicht mehr unterschrieb und mein Anrufbeantworter ständig blinkte, weil ich die Verwandtschaft nicht zurückrief.

Die Welt verschwörte sich und das eindeutig mit aller Kraft gegen mich! Trotzdem freuten sich fast alle To-dos ob ihrer Erledigung. Mit großer Genugtuung strich ich Punkt für Punkt die aufgelisteten Aufgaben gedanklich durch, um jetzt mit den Dingen anzufangen, die in meinen Augen einen Tag überhaupt zu solch einem machten.

Auf meinem Lieblingsplatz mit einem guten Buch in der Hand las ich nun zum dritten Mal die gleiche Seite, als hätte ich sie grad frisch umgeblättert. Winzige, sperrige Dinge ließen mich nicht in Ruhe, mit Entspannung hatte das nichts zu tun! Das Morgige drängte sich inmitten meine freie Zeit, irgendeine Bemerkung meiner Nachbarin fand ich total daneben und mein Kopf dachte über eine bessere Antwort auf ihre unsinnigen Fragen nach; außerdem: Stellte ich gerade eben die Waschmaschine auf 30 oder auf 60 Grad?

Wenn unser Kopf übervoll ist von den Gedanken an all das, was wir tun müssen, sind wir nicht in unserem Zentrum.[1]

Ich klappte mein Buch zu und resignierte. Irgendwo habe ich eine Zahl gelesen und diese „Irgendwo-Zahl“ ist mir in Erinnerung geblieben. Mit 60.000 Gedanken bombardierte ich meinen Kopf pro Tag! Das ist eine Zahl, die ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte. Naja, wie es sich anfühlte, konnte ich mir schon vorstellen, da brauchte ich nur die letzten Stunden Revue passieren lassen. Die Frage war doch, was erzähl ich mir denn da die ganze Zeit? Wie kann ich überhaupt noch adäquat über irgendetwas nachdenken oder etwas genießen, wenn so viele Gedanken durcheinander wuselten?

Musste ich mir das gefallen lassen? Auf keinen Fall! Etwas verstimmt fuhr ich mit meinen Händen über mein neues Buch. Ich liebte diesen selbstvergessenen Zustand beim Lesen. Worte trugen mich dann in ihre eigene Welt. Jetzt saß ich da und diese Welt hatte ein riesiges Vorhängeschloss und ich keinen Schlüssel.

Wenn wir unsere Mitte, unser eigenes Zentrum, verlieren, verlieren wir uns selbst, unsere Ruhe, unsere Kraft und den Punkt, von dem aus wir agieren können.[2]

Innerlich lachte ich. Mir fehlte Kopf-Disziplin! Dunkle Gedanken erkannte ich und hielt meistens sofort etwas dagegen, aber dies bombardierende Zutexten kam mir vor, wie einer dieser computerarrangierten Mails, um Rechner beschäftigt zu halten. Völlig zerfranst warf ich den aufkommenden Stichworten Antworten zu und versah sie auch noch mit kleinen Fußnoten.

Ich war viel zu kaputt, um dem inneren Strom überhaupt etwas entgegen halten zu können. Also warum nicht mitschwimmen? Wie wäre es mit einem Schwimmbrett? Einem Schwimmbrett aus Worten, die mich trugen? Ich brauchte Worte, die meine inneren Wogen glätteten, die gleich herabrieselnder Feenfunken einen Teppich bildeten!

Seufzend schlug ich mein Buch zu; solche Wünsche erforderten so etwas wie Zauberei! Gandalf konnte das oder Obi-Wan Kenobi … grinsend schaute ich in den Garten. Wieviel Dinge würden einem Menschen aus dem Mittelalter oder aus noch früheren Jahren als einen Akt der Unmöglichkeit vorgekommen? Wie viele Dinge hätte ich selbst vor zwanzig Jahren nicht machbar gehalten? Wie groß war das, was uns selbst möglich war?

Eines wusste ich: Viel, viel größer, als wir uns einreden wollten! Manchmal kam ich es mir vor, als liefen wir mit einem Werkzeugkasten herum und fragten doch woanders nach einem Schraubenzieher …

Mein Blick fiel wieder auf mein Buch. Ich klappte es auf und las:

Es geht nicht um das, was dir im Leben passiert,

sondern wie du darauf reagierst. (Epiktet)

Jetzt musste ich wirklich lachen! Antworten lagen wie immer in unseren Händen!


Anm. z. Titelbild: Photo by averie woodard on Unsplash

[1] Jan Nevelius, Vaken Vila, Ein Weg zu entspannter Präsenz, Zürich, 2017, S. 50.

[2] Dto., S. 47