Gleich und doch anders

Ich mache was? Sicherheitshalber fragte ich nochmals nach. Ich hatte richtig gehört. Unser Trainer nickte und bat mich nun, meinen Angriff zu wiederholen. Automatisch rekapitulierte ich gedanklich meine Bewegungen von gerade eben und sah überhaupt keinen Fehler darin.

„Lass die Hand einfach fallen, als hättest du das Schwert in der Hand. Also, keine Parasitär-Bewegung!“

Das machte ich doch auch! Schlichter ging diese Bewegung ganz bestimmt nicht! Ich wiederholte und wieder schüttelte Matthias seinen Kopf. Nochmals! Zweifelnd ging ich wieder in meine Ausgangsstellung zurück und schaute zu meiner Trainingspartnerin. Ihre Mimik verriet mir, dass der Hinweis wohl nicht von ungefähr kam.

Unter genauer Beobachtung unseres Lehrers griff ich mein Gegenüber erneut mit einem direkten Schlag zum Kopf an. Manchmal fragte ich mich wirklich, ob mein Körper diesen Fokus wahrnahm und dementsprechend eingeschränkt funktionierte. Was tausendmal garantiert klappte, misslang genau dann. Oder verschob sich in solch einer Situation die eigene Sichtweise, da die Wahrnehmung neugierig den Blickwinkel des anderen für einen kurzen Moment übernehmen wollte?

Bewusst konzentrierte ich mich auf meine Hände und betrachtete sie genau in ihrem Tun. Naja, vielleicht ein klein wenig … ein bisschen … das ist halt der Ausdruck einer persönlichen Note! Ich mochte nicht nur Aikido, ich mochte auch das Tanzen, das ließ sich schwer trennen! Ohne es wirklich wahrzunehmen, bewegten sich meine Hände in Schlaufen, Rundungen und immer wieder ein wenig im Takt, selbst wenn ich so etwas gänzlich Klares wie einen Handkantenschlag ausführte.

Nicht selten wurde Aikido mit dem Tanzen verglichen. Beides besaß Harmonie, folgte den eigenen Schwingungen und zog den Körper in einen selbstvergessenen Zustand; beides verfügte über festgelegte Abfolgen oder konnte frei Wesentliches zum Ausdruck bringen und beides konnte den Menschen in den Bann schlagen … trotzdem, ahnte ich schon, was gemeint war.

Die Bezeichnung meines Lehrers ging mir durch den Kopf: parasitär … etwas nahm von etwas anderen, ohne zu geben. Meine eingeschmuggelten Bewegungen entzogen sozusagen meiner Intention die Kraft. Mit diesem Gedanken wiederholte ich nun nochmals meinen Schlag, indem ich auf Zusätzliches bewusst verzichtete. Es fühlte sich tatsächlich wesentlich kräftiger und pointierter an, gleich einem Sonnenstrahl, der durch die Lupe fiel.

Plötzlich bückte sich Matthias und betrachtete die Matte vor seinen Füßen. Eine kleine Biene war durch die weit geöffneten Fenster hereingekommen und saß ganz ruhig auf den grünen Stoffmatten. Es war keine Hektik in ihren Bewegungen. Völlig ruhig tastete sie die Unterlage ab und fühlte sich durch unsere Anwesenheit augenscheinlich nicht bedroht. Vorsichtig nahmen wir sie mit Papier auf und brachten sie ins Freie.

Ich sah ihr hinterher und freute mich, dass sie da war. Bienen tanzten nach der Sonne. Sie standen für Freude und Fröhlichkeit in einem Miteinander. Sie verwiesen aber auch auf die Tatsache, dass Fleiß und Ordnung in einer Form von Disziplin notwendig war, um Arbeiten sorgfältig zu vollbringen.

Manchmal waren wir blind für die Kleinigkeiten und könnten schwören, sie wären deshalb nicht da. Schön, dass die Welt nicht aufgab, uns eines Besseren zu belehren.

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Trainer: Matthias Lange, 5. Dan

Trainingsort: https://aikidozentrum.com/