Wenn Schwingen wachsen…

Warum bewegte gerade ein High-Fall[1] so sehr die Gemüter? War es nicht nur eine zu erlernende Form von vielen? Wir fühlten uns beim Ausführen eindeutig dann besonders komfortabel, wenn wir alle erlernbaren Möglichkeiten unseres Körpers kannten.

Still betrachteten gut 30 Aikidoka die Vorführung der Trainerin. In der Kampfkunst war die Sicherheit auf der Matte ein großes Thema, da die Techniken ohne weiteres ihre ureigenste Herkunft nicht verstecken konnten. Die Wurzeln befanden sich nun mal bei den kämpfenden Samurais; der Gegner sollte damals nicht mehr aufstehen können…

Sonja sprach darüber, dass ein Verständnis so mancher physikalischen Prinzipien, auf alle Fälle hilfreich sei, um den eigenen Körper gefahrlos zu Boden zu bringen. Während der Erklärungen betrachtete ich die Gesichter um mich herum. Anscheinend ging es um ein Thema, das wirklich unterschiedliche Emotionen hervor bringen konnte: Vermutlich je nach bisherigen Erfahrungswerten zeigte sich offenes Interesse, Neugier und Erwartung, aber auch Bedenken und Skepsis. Doch eines war wohl jedem bewusst:  Alles war lernbar und mit den uns gezeigten Schritten, schien es so nah wie nie zuvor.

Irgendwie könnte der unbedarfte Betrachter glauben, es hätte alles mit Akrobatik zu tun. Nach dem Motto: wer geschmeidig übt, der bekommt es hin, der Rest nicht. Mittlerweile wusste ich, dem war nicht so! Natürlich hilft eine gewisse Geschmeidigkeit ungemein, keine Frage. Doch im Laufe des Seminars wurde immer klarer, dass die Einhaltung von bestimmten Prinzipien an erster Stelle stand und dass mit diesem Wissen, es sich so gut wie jeder trauen konnte, wenigstens einen Versuch zu starten.

Wie falle ich? Mit angezogenen Beinen oder gestreckten? Wann verlassen meine Füße den Boden, sehr bald oder so spät wie möglich? Wie kann ich die Schwerkraft nutzen? Wo befand sich die Achse, um die sich alles drehte? Alle Beteiligten hätten vermutlich noch unzählige Stunden an das Seminar hängen können, da es um das Thema unendlich viele Fragen zu beantworten galt.

Am Anfang erscheint ein High-Fall hart. Im wahrsten Sinne des Wortes. Jeder Knochen im Körper will sich beschweren, scheint überhaupt nicht mit uns oder mit dem einverstanden zu sein, was wir da gerade taten. Im Grunde war es ein erzwungener Perspektivenwechsel.

Was passierte mit uns, wenn wir die Welt von unten sahen? Erkannten wir überhaupt diese volle Sekunde im Großen und Ganzen oder verrauschte sie innerhalb der Handlung?

Die Erdanziehungskraft schenkte uns nicht nur unser Leben lang einen sicheren Stand, sondern auch die Gewissheit: hier schreiten wir, hier bleiben wir. Niemanden war es möglich, sich vielleicht in den dreidimensionalen Raum zu verschieben und wie ein losgelöster Astronaut im All zu schweben, auch wenn wir es manchmal wirklich gerne täten!

Obwohl dem so war, konnte sich aus diesem Gebunden-Sein etwas entwickeln, das dem Leben zugutekam und schwierige Situationen zum Wohle des Angreifers und Verteidigers entschärfte. Wir wussten immer: es gab nur eine Richtung, runter bis zum Boden und dann ist dem Fallen ein Ende gesetzt.

Was wäre, wenn wir gleich einem Fallschirm-Sprung dem Fallen eine andere Bedeutung schenkten…?

Wenn zum Beispiel der Abend auf der Matte lang war, viel gelernt wurde, viel nachgedacht wurde und die Grenzen der Aufnahme ihr Vorhandensein eindeutig zeigten, dann kannten die meisten Aikidoka dies innere Bedürfnis noch einmal einfach frei von allem sich richtig austoben zu wollen. Es waren dann oftmals die letzten Minuten einer Trainingsstunde, die alle Möglichkeiten des Körpers herausfordern sollten:

Wir brauchten dann nur ein paar Zutaten: genug Platz, einen Trainingspartner mit genauso viel Vergnügen und einen Lehrer, der für den Moment der Toberei beide Augen zudrückte.

Ab hier begann die pure Freude der schnellen Handlungen, der schnellen Ausführung, der schnellen Reaktion und dem Genuss über die eigene Geschwindigkeit. Es war dann wie in einem Rausch des Momentes, der nur noch zwei Personen einschloss. Wer dem High-Fall mächtig war, besaß dann die Möglichkeit eine völlig neue Qualität im Miteinander zu empfinden. Wer dem High-Fall mächtig war, sah dann plötzlich diese volle Sekunde des Fallens, die sich in ein Fliegen verwandelte und dem eigenen Inneren die Freiheit versprach und…

…wer dem High-Fall mächtig war, besaß Zugang zu einem neuen Tor der Betrachtung. Hier standen wir mit Zehenspitzen an der offenen Tür eines Canyons, hielten unsere Arme zur Seite, reckten die Schultern, den Kopf, kippten unsere Achse über das Gerade-Sein hinweg und ließen uns in die unendliche Weite eines neuen Landes fallen.

Brauchte es noch mehr Gründe, einen High-Fall lernen zu wollen?

[1] Ein Aikidoka rettete sich oft mit Vorwärts- oder Rückwärtsrollen aus brenzligen Situationen. Es war ein Entschwinden über die Schulterpartien, das dann gefahrlos den Schwung im wahrsten Sinne ausrollen ließ. Je nach eingebrachten Impuls geschah dies langsam oder schnell. Manchmal blieb dem Körper überhaupt nicht mehr die Zeit, um das Bedachte einer Rolle auszuführen. Dann zählte nur noch die Schwerkraft, die mithilfe von eingenommenen Winkeln und Körperdrehungen ihren Tribut forderte. In dieser schnellen Variante rollte der Angreifer den Anfang seiner Rolle ohne Mattenkontakt in der Luft, ein High-Fall.


Trainer: Sonja Sauer, 4. Dan., auf einem Ukemi-Seminar in Hannover

Gastgeber: http://www.kyushindo.de