Das immerwährende Puzzle

Die Klopperei nahm keine Ende, obwohl die Pausenklingel bereits ungehört ihren melodischen Kling-Klang für alle anderen vernehmen ließ. Der Freund half dem Freund, die Freundin half der Freundin; eine klassische Ausuferung von Empfindungen verlegte die Umgebung in den Hintergrund und ließ die Schaukeln nur leise im Wind ihren Bestimmungen folgen.

Ein markdurchdringender Ruf unseres Erdkunde-Lehrers vibrierte in meinem Innern und hielt mich nicht wirklich davon ab, den dicken Tom aus der 2b zu Boden zu zerren, damit er endlich aufhörte an meinen Ärmeln herum zu knuffen. Fast eingefroren erschien die Szenerie als hielten die Wellen des Rufes jeden Einzelnen von uns mit eisernen Händen fest. Entrüstetes Schnaufen meines Gegenübers, der sich wieder vom staubigen Boden hochstemmte und mich mit einem vernichteten Blick bedachte; es fühlte sich wohl nicht so toll an, von einem Mädchen niedergerungen zu werden.

„Verdammt noch mal, wer ist für dies ganze Schlamassel verantwortlich?“

Das Einfrieren bröckelte und die Mädchen und Jungen sahen sich an, um schließlich langsam aber sicher in meine Richtung zu schauen. Der dicke Tom rieb sich seinen Oberarm und zeigte mit seiner anderen Hand auf mich:

„Sie ist Schuld!“

Unzählige Augenpaare richteten sich mit einem Universums-Ruck auf meine Wenigkeit; so fühlte es sich an, wenn Kometen einschlugen! Etwas nach Luft schnappend, wollte ich gerade etwas sagen, sah den ausgestreckten Finger von Tom immer noch auf mich gerichtet und schloss meinen Mund wieder, um den ganzen restlichen Tag nichts mehr zu sagen.

In den folgenden Stunden sah ich, dass meine beste Freundin blutige Knie besaß und ihre schöne rote Strumpfhose völlig zerschunden war und ich sah auch, dass Sven, Toms bester Freund, mit einem blauen Veilchen in den folgenden Pausen angab, da er schließlich vorher tapfer auf der Seite seines Freundes kämpfte. Mein Geburtstagsgeschenk von meiner Schwester, glitzernde Buntstifte, lagen im Dreck verteilt und der Grüne war zerbrochen. Ich hatte Schuld, weil ich selbst keine Worte besaß, um mein Inneres zu zähmen.

Mein Erdkundelehrer fragte mich, warum ich alles angezettelt hätte. Ich schaute ihn nur stumm an. Konnte ich ihm erzählen, dass ich meine Stifte, die ich selbst noch nicht benutzt hatte, nicht Tom zum Ausprobieren geben wollte? Konnte ich ihm erzählen, dass Tom so erbost darüber war, und versuchte, sie sich einfach zu nehmen und wir beide dann anfingen zu raufen und der Grüne dadurch zerbrach? Konnte ich ihm erzählen, dass ich sehr wohl verstand, dass Tom eifersüchtig darauf schaute, da seine Eltern ihm erst neue Buntstifte kauften, wenn sie wirklich abgenutzt erschienen, er aber am letzten Ende kaum mit ihnen malen konnte, da sein Finger viel zu dick dazu waren?

Ich fühlte mich klein, unverstanden und nicht besonders weise. Das nächste Mal würde ich meine Stifte einfach zuhause lassen.

***

Ich saß an der Hausmauer auf einem Hocker, meine große weiche Sofadecke umschlang mich fast gänzlich, so dass nur noch mein Gesicht und die Hände von der niedrig stehenden Sonne gesehen werden konnten. Musik in den Ohren trug mich davon…

Erinnerungs-Fetzen  zogen durch meine Gedanken und ich musste lächeln. Tom war heute überhaupt nicht mehr dick, sondern erzählte mit einer beeindruckenden Statur seinen Kunden als Sport-Coach, was im Leben alles möglich war und konnte sich wahrscheinlich einen Lastwagen voller Buntstifte kaufen, wenn ihm danach war. Es gab damals eine Zeit der Stille zwischen uns beiden, bis wir wieder miteinander sprachen. Was gut und richtig war, denn wir brauchten Zeit, um uns jeweils selbst zu verstehen. Irgendwann, als hätten wir beide den gleichen Gedanken, als hätten wir zur gleichen Minute entschieden, dass es nun gut sei, hoben wir diesen luftleeren Raum auf:

***

Die meisten unserer Klassenkameraden waren schon auf dem Weg nach Hause. Die begehrten langen Schaukeln bewegten sich befreit von ihrer Aufgabe leicht im Wind. Ich warf meinen Tornister an die Seite und griff mir eine davon. Fast gleichzeitig sah ich Tom das Gleiche tun. Mit ausgestreckten Beinen holten wir beide Schwung. Sofort versuchten wir gleichzeitig der Schnellere, der höher Schaukelnde zu sein, fingen an zu grinsen und japsten außer Atem und lachten schließlich was das Zeug hielt. Irgendwann bewegten sich die Schaukeln im Gleichklang, so dass wir reden konnten:

„Du hast nichts gesagt!“, bemerkte Tom.

„Du auch nicht“, erwiderte ich.

„Ich fand es ungerecht.“, sagte Tom.

„Ich auch!“, sagte ich.

„Du bist ganz ok.“, flüsterte Tom nach einer Weile, während ich ihn von der Seite betrachtete.

Ich musste lachen: „Das wollte ich auch gerade sagen!“

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Anm. z. Titel und Text:

Das Leben ist wie ein Klavier: es hat weiße Tasten, es hat schwarze Tasten. Wenn wir darauf spielen, fällt es uns irgendwann auf, dass die wirklich guten Songs sich nur mit beiden wunderschön anhören.