Micro-Momente im Spiegelsaal

Mit einem satten Knall öffnete sich ein neues wuchtiges Portal des Erkennens; die Seitenflügel schlugen an hohe Mauern und schickten ein Vibrieren durch festen Boden bis hin zu meinen Fußsohlen. Verblüfft verharrte ich. Wie konnte ich das übersehen? Tausend Puzzleteile lagen mit Sicherheit schon seit Jahren an den Wegrändern…

Ich saß, nein, ich stand mittlerweile mit unzähligen Anderen im Football-Stadion; der Lärm war bis gerade eben fast unerträglich, doch von einer Sekunde auf die nächste breitete sich die Welle der Stille über das Stadion. Mit weit auseinander gehaltenen hochgereckten Armen warteten die Zuschauer auf das Zeichen. Aufmerksam horchten wir. Ich stand leicht schräg zum Ort, von dem der zu erwartende Trommelschlag kommen würde und blickte beim Aufsehen in die Augen einer jungen Frau, die keinen Meter von mir entfernt genauso in die Weite lauschte. Unsere Blicke traf sich wie zwei aufnehmende Schwerter in der Mitte des uns ausfüllenden Zwischenraums, als hätte Reiskleber sie aneinander gebunden. Ich kannte sie nicht; sie kannte mich nicht und doch hielten wir diesen Kontakt des Miteinanders als seien wir Freunde für die Ewigkeit. Hier waren wir und verweilten, als warteten wir im Schein der Sonne auf eine Verabredung. Ihr erkennendes Lächeln ließ kleine Lachfältchen um die Augen entstehen und ich wusste, dass ich in der gleichen Sekunde es ihr nachtat.

Der erste sich über das Mikrofon ausbreitende Schlag erreichte unser Bewusstsein. Ohne unseren Blick auf irgendeine Weise zu lösen, schlugen wir beide synchron unsere Handflächen über den Köpfen zusammen; verharrten einen Moment in der Bewegung, um dann die Hände wieder in die Ausgangsposition des V’s zu bringen. Das entstandene Geräusch von unzähligen zusammenklappenden Händen flog durch die Luft und erfasste mein Zwerchfell, das durch diese Berührung aufgeregt nachhallte; nichts entzog sich diesem Bann der Schwingungen.

Geschlossen im Tunnel der Wahrnehmung meines Gegenübers und trotzdem geöffnet im Kollektiv von Tausenden erkannte mein Herz den schwingenden Nachhall und erhöhte ebenso die Regelmäßigkeit seiner Aufgabe. Durch die gehobenen Arme spürte ich überdeutlich die Beschleunigung meines Pulses in den Handgelenken gleich eines Augenblickes auf der nächtlichen Autobahn mit durchgetretenem Pedal. Meine Sinne sammelten sich und tasteten sich über die Grenzen meines Körpers hinweg.

Ein weiterer Trommelschlag unterbrach unsere Aufmerksamkeit und ließ uns gleichzeitig für eine winzige Sekunde zusammenzucken. Ich sah es bei ihr und sie bei mir; mit einem breiten Lachen quittierten wir unser gemeinsames verschrecktes Reagieren auf etwas, was wir eigentlich die ganze Zeit erwarteten. Mit noch mehr Elan ließen wir uns vom tausendfachen Geräusch mittragen. Wir waren eins mit Allen und Alle waren wir; ein riesiger bunter Schwarmfischpulk, der durch den tiefgründigen Ozean seine Richtung fand.

Nach dem Spiel verloren wir uns, aber das machte nichts; ein verflochtenes Band der Signaturen hielt uns in den gegenseitigen Erinnerungen und ließ uns eine bunte Schlaufe im weltumfassenden Teppich sein.

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Anm. z. Text:

Barbara L. Fredrickson (Professorin für Psychologie und Direktorin des Labors Positive Emotionen Psychophysiologie an der University of North Carolina; sie beeinflusste die Entwicklung der Positiven Psychologie in einem maßgeblichen Sinne)

„Genau das ist die aktualisierte Version von Liebe…Liebe erblüht buchstäblich jedes Mal, wenn zwei oder mehr Menschen –sogar Fremde- ein positives Gefühl, egal ob stark oder schwach, miteinander teilen und sich dadurch einander verbunden fühlen.

Dies ist nichts ewigwährendes, sondern nur ein Moment, der immer wieder einer erneuten Schaffung bedarf. „Einen Augenblick lang wachsen Sie buchstäblich über sich hinaus. Das ist kein normaler Augenblick. Im Rahmen der Spiegelung und Erweiterung Ihres eigenen Zustandes sehen Sie plötzlich viel mehr. Eine mächtige, hin und her schwingende Vereinigung der Energien entsteht zwischen Ihnen, wie elektrische Spannung.“

„Liebe gehört also nicht zu einem einzigen Menschen, sondern zu Paaren und Gruppen. Sie wohnt in der Verbindung. Sie erstreckt sich über persönliche Interessen hinaus und charakterisiert die Schwingungen, die zwischen den Menschen pulsieren. Sie kann ganze soziale Netzwerke mit neuer Kraft erfüllen oder eine Gruppe von Menschen dazu bewegen, aufzustehen und zu tanzen.“

Auszüge aus: Die Macht der Liebe, ein neuer Blick auf das größte Gefühl, F.a.M, 2013.