Die Brücke von Irgendwo

Bilder waren eine machtvolle Möglichkeit etwas fast unentdeckt ins Bewusstsein zu tragen. Unsere Tore dazu standen beim Lernen weit offen und ließen dadurch möglichst viel hindurch. Die eigene Konzentration betrachtete das uns Gesagte, das offensichtlich Aufzunehmende und begrüßte jeden Schritt in die richtige Richtung mit offenen Armen. Doch manchmal klafften das Wollen und Können auseinander.

Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, dass bei einer neuen Übung das Wissenswerte aufgrund der wirklich vielen Punkte nicht im vollen Umfang bei mir ankam, obwohl unser Lehrer es bereits in Abschnitte unterteilte. Einmal achtete ich auf die Beinarbeit, ein andermal auf die Bewegung der Achse und dann wieder auf die Haltung der Hände. Der beruhigende Aspekt lag darin, dass es mitunter auch anderen Aikidoka so ging, außer sie kannten die Technik bereits. Die Kampfkunst war eine große Aufgabe für den menschlichen Verstand, die Synapsen-Kinderstube lief dabei auf Hochtouren.

So griff ich mit meiner rechten Handkante an, um den Hals meines Gegenübers zu treffen. Diesmal nicht auf der -von mir aus gesehen- rechten Kopfseite meines Trainingspartners, sondern auf seiner linken. Mein Gegenüber ergriff meinen Schlagarm. Diese Aufnahme konterte ich mit einem leichten Ausweichen, um mithilfe einer Technik (Ikkyo) den Angreifer zu Boden zu führen. Mein Bewegungsverlauf beschrieb dadurch ein kleines „U“ um den Trainingspartner herum.

Hier setzten nun die Bilder an. Unser Lehrer bat uns, genau an dieser Stelle fließendes Wasser zu visualisieren, das nah seinen Weg führen würde. Der Kontakt ginge somit nie verloren und würde sich geschmeidig in die machbare Richtung winden. Während der Vorführung saß ich da, betrachtete die Ausführungen und verlor mich im Bild. Wie sollte ich mich auf das Dargestellte konzentrieren, wenn ein anderes Medium mich davontrug? Meine Gedanken sahen Siddhartha[1] am Fluss sitzen und seine Hand ins Wasser halten. Es teilte sich vor dem Hindernis und schloss sich wieder dahinter. Bilder waren machtvoll, doch Wasser war es auch. Für mich trugen beide etwas mit sich, aus vergangenen Tagen, aus bereits Gelernten und aus Hinzugefügten.  

Als ich das Gezeigte ausprobieren sollte, dachte ich im ersten Moment, ich könnte aufgrund der vielen Informationen, die von außen und innen kamen, nichts Sinnvolles zustande bringen. Überrascht stellte ich fest, dass es kein Problem gab und ich sogar aufgrund dessen ein runderes Gefühl dafür bekam. Während des Trainierens erkannte ich auch, woran es lag. Siddhartha[2] besaß mich in diesem Moment voll und ganz: Es war die Zeitlosigkeit des Augenblicks. Ein beschriebenes Bild in der Gegenwart holte bereits erfahrene Empfindungen für einen Moment an die Oberfläche, bestimmte dadurch mein Handeln, um schließlich für die kommenden zwei Sekunden etwas zu vollbringen, was sich in diese Form fügte. Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges floss somit zusammen.

So besaß das Bild des Wassers in seiner Bewegung etwas, das wir als Lernende in unseren Erinnerungen mit uns trugen und genau für diesen Moment nutzen konnten. Das Wissen ging mithilfe von Bildern nicht nur einfach durch ein Tor, sondern es trug Unzähliges in seinen Taschen mit sich, um uns zu helfen. Das wirklich Unglaubliche lag dann darin, dass das Neue etwas mitbrachte, was wir schon längst unser Eigen nannten.

Ich stand auf der Matte und freute mich: Bilder waren machtvoll, aber viel, viel machtvoller war das Tun in einem Miteinander, das uns dazu bewegte, diese Schätze auch wirklich zu nutzen.

Aikido ist einfach wundervoll.

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Trainer: Matthias Lange, 5. Dan

Trainingsort: http://aikidozentrum.com/


[1] Hauptfigur aus dem gleichnamentlichen Roman (1922) von Herman Hesse; es geht um die Selbstbefreiung aus familiären und gesellschaftlichen Konventionen. Auf seiner Reise erfährt er schließlich, dass das Bewusstsein nicht aus irgendwelchen Lehren zu erlangen ist, sondern nur einzig und allein durch die eigene Erfahrung.

[2] Er lernte, „dass der Fluss überall zugleich ist, am Ursprung und an der Mündung, am Wasserfall, an der Fähre, an der Stromschnelle, im Meer, im Gebirge, überall zugleich, und dass es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den Schatten der Vergangenheit, nicht den Schatten Zukunft. […] Nichts war, nichts wird sein; alles ist, alles hat Wesen und Gegenwart.“ (vgl. Siddhartha, 1922, Seite 87/88)