Zwischen Himmel und Erde

Wenn ich jetzt die Türe öffnete, dann käme gnadenlos die kalte Luft! Ganz bewusst versuchte ich jeden aufhaltenden Gedanken auszublenden; trotzdem erreichten mich die ungewollten Überlegungen: Die Musik war nicht richtig, du muss dir noch etwas anderes auf den I-Pod laden! Du bist viel zu kühl angezogen, zieh lieber ein langärmeliges T-Shirt unter die Jacke! Eigentlich war es schon viel zu dunkel, um den Fußweg überhaupt richtig erkennen zu können, lauf morgen! Was für ein Unsinn! Irgendeine nutzlose Gehirnwindung wollte mir weismachen, dass jetzt gerade nicht der richtige Zeitpunkt wäre, laufen zu gehen.

Nein, ich wollte nicht herumschwächeln. Jedes Mal das gleiche Spiel! Wenn irgendwer in den fünf Minuten vor dem Lauf meine Gedanken lesen könnte, der käme bestimmt auf die Idee, dass ich mich zu etwas zwingen müsste. Dem war aber nicht so! Ich liebte das Laufen und trotzdem weigerte sich mein Körper, als müsste er von einem Zehnmeterbrett ins tiefe Wasser springen. Aber ich kannte mich ja schon ein wenig länger, also: Je schneller ich das Haus verließ, umso wahrscheinlicher würde ich mein Vorhaben umsetzen…

Der Fußweg lag bereits im Dämmerlicht. Die Büsche an den Seiten streiften mit ihren ausladenden Zweigen jeden Vorbeikommenden. Niemand war zu sehen. Je weiter ich lief, umso mehr sah ich von den Feldern, die einfach dalagen und auf einen Betrachter warteten. Die Wärme der Bewegung begann sich aus meinem Inneren auszubreiten. Ich streifte die Ärmel-Verlängerung meiner Jacke zurück und öffnete den Kragen. Ich musste lächeln. Wie subjektiv war die Kälte des Winters! Es besaß seinen eigenen Reiz, diese überhaupt nicht zu empfinden.

Die Sonne war von hier aus nicht mehr zu sehen, aber das machte nichts; ich wusste sie war da. Der Himmel hing tief, aber das machte nichts; ich wusste es gab ein darüber. Mein Atem war noch viel zu schnell, aber das machte nichts; einen Kilometer weiter würde ich das Gleichförmige gefunden haben. Meditation besaß so viele Formen…

Die Musik in meinen Ohren gab den Takt meiner Schritte vor. Sie half beim Tragen des Schwunges, beim Bewegen der Muskeln und beim Verlieren der Gedanken, die ich ganz bewusst in der Stunde des Laufens nicht haben wollte. Sie durften erscheinen, sie mussten aber auch wieder gehen. Das Hören von Tönen griff sich Erinnerungen, Momentaufnahmen, Farben und Lichtspiele aus den hinteren Ecken meiner Synapsen. Gleich Lichtkegel im Dunkel der Nacht setzte sich dadurch erst das Eine und dann das Andere in den Vordergrund. Musik verhinderte den Gedankenstrom nicht, aber sie verfärbte eindeutig das Licht der Betrachtung. Was gerade noch ein trostloses Grau besaß, berührte den Klang und verwandelte sich vor meinem inneren Auge. Wenn der Körper beschäftigt war, wenn die Augen aufgrund des fehlenden Lichtes mit dem Herumstreifen gefangen schienen, dann zeigte sich die uns ganz eigene Magie der Verwandlung, die sich wie ein warmer vollständiger Hauch um einen selbst legte.

So begann auch mein Körper sich der Veränderung in meinem Kopf anzuschließen. Das Pulsieren der Handinnenflächen entließ die sich aufladende Energie aus meinem Sein und zog mich damit immer weiter, immer schneller, nach vorn:

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.[1]

So war ich hier und schon wieder fort, gleich der versinkenden Sonne, die mir ihr letztes Licht zuwandte und ein Versprechen gab:

„Morgen bin ich wieder da, wie immer und zu jeder kommenden Zeit…“



[1] Die dritte Strophe meines Lieblingsgedichtes von J.v.Eichendorff, „Mondnacht“.