Die Laterne auf dem Do

Wenn ich mir Tee zubereitete und den Teeblättern Raum zum Herumschwimmen gab, dann konnte ich sie beobachten, wie sie langsam aufquollen, sich im heißen Wasser veränderten und ihr Aroma abgaben. Wenn ich im Dojo Neues erlernte, dann veränderte ich mich ebenso, mit jeder Kleinigkeit, mit jedem neuen Blickwinkel. Wir wirkten aufeinander gleich der Verbindung zwischen Tee und Wasser.

Das Lernen war konzentriert. Immer wieder ließ sich ein Lachen hören, ein überraschter Ruf, wenn Unverhofftes geschah oder ein leises Murmeln, wenn etwas misslang. Das Miteinander verlief in einem einfachen So-Sein, das wichtig war, um den Techniken gerecht zu werden. Denn wer verkrampft mit seinem Gegenüber etwas Neues erlernen wollte, half seinem Trainingspartner nicht besonders gut und konnte sich zudem viel leichter verletzen.

Bei einem Angriff mit einem Fauststoß zum Kinn (Jodan-tsuki) sollte eine Technik durchgeführt werden, die mich als Verteidiger unter den von mir erfassten Arm meines Angreifers durchtauchen ließ (Shiho-nage), um ihn schließlich mit einem über die Schulter geführten Arm zu Boden zu bringen. Als ich mit meinem Lehrer übte, wies er mich darauf hin, dass ich mich vor dem Hindurchtauchen zu sehr nach vorne beugte, um meinem Angreifer zu erfassen. Von außen betrachtet eine Winzigkeit.

Die eigene Achse gerade zu halten war eine verständliche Sache. Das war schließlich bodenständige Physik. Es konnte aber auch mit einem anderen Blickwinkel betrachtet werden:

„Du achtest zuerst auf den anderen und suchst den Kontakt. Du bleibst nicht bei dir. Vergiss nicht, ich greife dich an!“

Bevor ich die Sequenz überhaupt weiter üben durfte, bekam ich eine Zwischenübung, die mich allein diesen winzigen Augenblick genauer betrachten ließ. Die im Schwung berührte Faust sollte nun mit bewusster Standfestigkeit und gerader Achse kurz mit den Händen begleitet werden, damit sie dann mit einem halbseitigen Kniefall meinerseits ins Leere führte. Mein Gegenüber verlor dadurch sein Gleichgewicht, da er seinem eigenen Impuls fast hinterher flog. Immer wieder griff mich mein Lehrer an, bis er schließlich nickte und meinte:

„Und jetzt machst du das Gleiche, gehst aber nicht auf dein Knie, sondern tauchst unterm Arm durch.“

Sofort merkte ich den Unterschied. Ich war begeistert. Selbstverständlich konnte ich das Ganze als technische Unterweisung begreifen. Doch ich wusste intuitiv, das war nur ein Aspekt.

Aikido war eine Kunst, eine Kampfkunst. Es gab tausend Definitionen des Begriffes „Kunst“. Eine allumfassende, geschlossene Beschreibung konnte es mit dieser Vielfalt nicht geben, sondern immer nur viele einzelne, die sich dem Thema näherten. Eine davon besagt, dass Kunst immer Ausdruck einer expressiven Schaffenskraft sei und zudem das Bedürfnis wäre, sich mitzuteilen.“[1] Damit hinterließ der Künstler immer ein Stück von sich selbst[2] in seinem geschaffenen Werk.

Wenn ich nun als Technik-Ausführende dies wörtlich nahm, wenn ich also meine Kunst ausführen wollte, dann durfte ich mich im Tun nicht vergessen und zurück lassen. Aikido lebte davon, dass zwei Menschen zu gleichen Teilen etwas beitrugen. Der Angreifer war genauso wichtig, wie der Verteidiger. Wenn ich also nicht „bei mir blieb“, dann nahm ich mich beim Ergreifen meines Gegners auch nicht mit und höhlte damit die Möglichkeiten der Technik aus. Kunst konnte nicht entstehen.

So entsprach Aikido dem aufgebrühten Tee: Ohne Tee, gäbe es nur heißes Wasser; ohne das heiße Wasser gäbe es keinen trinkbaren Tee. Zwei gebende Seiten vollbrachten etwas Neues.

Einfach schön.



Trainer: Matthias Lange, 5. Dan.

Trainingsort: www.aikidozentrum.com

Anm. z. Titel: „Do“ = japanisch, der Lebensweg

[1] http://artfocus.com/kunst/

[2] Dto.