Rapunzels Turm

Alles ist verflochten, hängt voneinander ab und ist untereinander verknüpft, auch wenn es uns nicht immer gefällt. Bewegen wir uns, bewegen wir die Welt, bleiben wir stehen, steht die Welt, jedenfalls an dieser Stelle. Natürlich könnte ich mein Ego pflegen und der Welt den Rücken zudrehen; schließlich bin ich ein Ich…Ja?

Es gibt Ecken in unserem Bewusstsein, die wir nur zu gern ganz allein für uns in Besitz nehmen. Muss ich meinem Gegenüber sagen, dass mir etwas nicht passt? Muss ich mich wirklich der Kritik stellen, wenn ich anderer Meinung bin? Muss ich mich gänzlich outen mit meiner Ansicht, die vielleicht ein wenig vom Mainstream abweicht? Nein, wäre jetzt die falsche Antwort…

Um wieviel einfacher ist ein Miteinander, wenn das Eigene hübsch verpackt sein Eremitendasein im hintersten Stübchen leben darf. Dort stört es niemanden, dort erzwingt es kein weiteres Nachdenken, dort schütze ich es vor mühevollen Streit, Diskussion und Aufregung. Warum sollte ich mir ein Durcheinander antun? Wenn ich dem Gegenüber einfach eine Zustimmung gebe, kann ich wirklich immer behaupten, der andere hätte es ja so gewollt. Da war einfach nichts zu machen!

Ja, die Gedanken gehören uns…als Erzeuger besitzen wir sozusagen das Copyright. Und darüber hinaus? Gedanken berühren uns und stellen Fragen. Dieses beinhaltet ein Richtig, ein Unbedingt und eine Verpflichtung, die wir nur allzu gern mit beiden Händen erfassen und im hintersten Garten mit Reisig zudecken, damit niemand sie sieht. So hat jeder Vergrabenes auf seinem Grundstück, das nur noch von Blümchen geziert und mit einer Flasche Wein vergessen wird.

Angenommen, Gedanken erscheinen in unserem Bewusstsein, um diese zu teilen. Angenommen, Gedanken sind Pfade, die wir lediglich zuerst betreten und schließlich mit anderen teilen sollten, damit sie sich nicht verirren. Darf ich sie dann verstecken? Klar könnte ich, aber dann ist es auch egal, ob ich auf der Rückseite des Mondes lebe oder im tiefsten Schacht der Erde mein Dasein friste.

Angenommen, unsere Gedanken sind ganz genau das Puzzleteil, das der Andere braucht, um sein eigenes Stück anlegen zu können?