Michelangelos Fingerzeig

Das Morgenlicht fiel durch die hohen Fenster auf den Hallenboden und erwärmte die Matten, die noch die leichte Kühle der Nacht in sich trugen. Ich saß in der Helligkeit der Sonne und dehnte meinen Muskeln wie alle anderen um mich herum. Es wurde kaum gesprochen; die Müdigkeit einiger bereits überreichen Tage steckten allen in den Knochen, doch vom Gefühl schien genau diese Stille das Richtige für diese frühe Zeit zu sein. Ich mochte das Sonnenlicht auf den Matten. Blickte ich aus der Rolle zu meinen Nachbarn, dann fand sich ein Lächeln oder ein leises „Guten Morgen“. Wir brauchten tatsächlich kaum Worte.

Das absolut Intensive einer gemeinsam verbrachten Zeit fand sich förmlich in der Luft. Vergangenes, Gegenwärtiges und die Dinge, auf die wir uns freuten, vermischten sich zu einem Moment des Hierseins. Es war einfach schön. Ohne es zu wissen, passte diese Stimmung genau in das heutige Thema.

Das Wahrnehmen des Zentrums, der tiefen Mitte meines eigenen Körpers und auch gleichzeitig die meines Gegenübers gehörte zu den täglichen Aufgaben, doch heute stellte es Martin in den absoluten Fokus.

In meinen Augen war es das Herzstück aller Übungen und Bewegungen. Es überlappte all das Vorherige sowie Nachfolgende. Kampfkunst ließ sich nicht ohne diese Aspekt denken; es wäre lediglich eine reine Abfolge von Bewegungen in einem 2D-Bereich, der das Wesentliche mit keinem Funken erreichen könnte. Der wahrhaftige Kern des Aikido fand sich inmitten unseres Sein, inmitten unseres Körpers, der intuitiv wusste, was folgerichtig kommen musste oder nicht.

So standen wir schließlich spiegelgleich gegenüber und legten unsere Handfläche auf den Handrücken des Trainingspartners und suchten den Kontakt zum Gegenüber, der ebenfalls in sich hineinhorchte. Ein gleichmäßiger Druck legte sich über die Empfindungen. Ich betrachtete das Gesicht meines Gegenübers. Eine junge Frau lächelte mich an, denn sie spürte ebenso das gegenseitige Erfassen.

Das Brennen der eigenen Handflächen ließ Bilder in meinem Kopf erscheinen: Ich sah das Miteinander, ich sah das Verbinden, ich sah die Wirbel auf der Matte, die wie aufschwingende Windböen alles erfassten. Siddhartha, einer Figur aus dem gleichnamigen Buch von Hermann Hesse, fand seine Erkenntnis als Fährmann an einem Fluss. Er sah sich als einen Teil der dahinfließenden Bewegung, immer mit Tiefe und mit einer Herausforderung bestückt…

Ich betrachtete mein Gegenüber und dachte an die Gedanken dieses Suchenden, der den Fluss als Möglichkeit zum Tragen des eigenen Ichs empfand. Sein Fluss entsprach dem Fluss in uns. Manchmal gab es Schleusen, manchmal stand das Wasser still und in wunderbaren Momenten rissen uns die Wellen der Empfindungen mit, um genau das zu sein, was wir waren: Leben.

Wenn ich den Kontakt nicht abbrechen lassen wollte, dann musste ich den Bewegungen und dem Innern meiner Trainingspartnerin folgen. Übernahm ich den Part der Angreiferin, dann konnte ich mein Gleichgewicht irgendwann nicht mehr halten.

Schließlich reduzierte Martin den Kontaktpunkt zuerst auf einen Mittelfinger in der Handfläche des Gegenübers und letztendlich nur auf einen minimalen Punkt zwischen den beiden Zeigefingern der Trainierenden. Es fiel immer einer von uns beiden. Immer. Es ist nichts Gestelltes. Es ist nichts, was ich während des Trainings verhindern könnte oder wollte, außer ich verweigere den Zugang zu meinem Zentrum.

Ob ich nun mit erhobenen Armen auf dem Preikestolen an einem norwegischen Fjord stand, ob ich meine Füße mit dem Wasser des indischen Ganges umfließen ließ oder auf dem Times Square in New York dem bunten Treiben folgte, egal, wo ich mich befand, war ich ein Teil des Großen und Ganzen; wenn uns der Alltag nicht davon abhielt, nahmen wir es mit jeder Faser wahr. Doch um wieviel einfacher erhielten wir diesen Zugang, wenn der Weg durch etwas viel Näheres sichtbar wurde…

…durch einen anderen Menschen.

 

 

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Anm. z. Titel und Bild:
Wer konnte das Bild sehen, ohne an Michelangelos Gewölbefresko in der Sixtinischen Kapelle in Rom zu denken?
Trainer: Martin Glutsch, 7. DAN
Trainingsort: https://osp-freiburg.de/uber-uns/trainingszentren/leistungszentrum-herzogenhorn/