Ein offenes Geheimnis

Keiner kann es wirklich sagen, keiner kann es in verständliche Worte fassen und doch weiß es jeder mit einer unverrückbaren Sicherheit, wenn in einem unbedarften Moment das Denken vergessen wird. Ein antwortender Blick hält es in der Sekunde des Aufeinandertreffens in seiner Einfachheit aufrecht und gibt es gleich einem wärmenden Händedruck weiter:

Intensive Tage mit verspielt lockerem und trotzdem ausgesprochen ernsthaftem Training schenkten Seminarteilnehmern neue Einsichten in den tiefen Weiten der Techniken, als drehe sich in der eigenen Hand ein gewickelter Bonbon, dessen Papieröffnung nicht gleich ersichtlich und doch mit ein wenig Mühe schließlich erreichbar wurde.

Lernen war nichts Gleichförmiges oder Stetes: Höhen lagen neben Tiefen, ruhiges Erfassen neben fahriger Ungeduld oder Aufmerksamkeit neben einem Insichgekehrtsein. Die Anforderung an das eigene Aufnahmevermögen ließ nicht nur für das vom Trainer Gezeigte offen werden. Ohne es zu bemerken, entwickelte sich eine prinzipielle Geisteshaltung dem Neuen gegenüber. Für den menschlichen Sinn war es dann egal, ob das zu Lernende die runden Bahnen einer Technik beinhalteten oder die verschlungenen Wege der Persönlichkeit des Trainingspartners.

So erfolgte das Verstehen oftmals erst mit langsamen Bewegungen. Es blieb nicht aus, genau dann die kleinen Facetten der Konzentration des Gegenübers wahrzunehmen: Manchmal zeigte sich Frustration, manchmal musste sich gegenseitig aufgebaut werden, manchmal ergab sich dadurch ein Lächeln und schließlich zu guter Letzt Freude über das eigene Gelingen.

Die Kampfkunst fand sich in ihrer schönsten Form im intensiven Wechselspiel der Bewegungen. Durch eine starke Ausprägung des Tuns erfolgte von ganz allein ein genaues Hinsehen; es war sozusagen unabdingbar für ein Gelingen.

Im Grunde entsprach das Auf und Ab des Empfindens einem Ergänzen, einem Ineinanderführen, einem miteinander Verzahnen des Handelns und Seins. Hände wurden gereicht, Arme verhakt, Figuren erschaffen und schließlich fand sich die Erdanziehung als eine unwiderstehliche Kraft zur Bildung einer gemeinsamen Form. Diese betonte Aufmerksamkeit öffnete das sich so oft versteckende Innere. Das Merkwürdige und Schöne lag dann in der unterschiedlichen Wahrnehmung des Momentes, der sich dem Einzelnen anpasste, als wäre er ganz allein für ihn bestimmt.

Sieben Tage mit intensivem Lernen und Leben vergingen und es fiel beim Verabschieden schwer, dem normalen Alltag wieder entgegen zu sehen. Nach unzähligen Umarmungen, Wünschen für die Heimfahrt, einem gegenseitigen Versichern eines baldigen Wiedersehens hielt mich meine Zimmermitbewohnerin in den Armen und sah meine Traurigkeit; sie drückte mich und meinte schließlich:

„Aikido verbindet, nicht wahr?“

Mein Lächeln gehörte ihr und der ganzen Welt.

 

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Trainer: Martin Glutsch, 7. DAN

Trainingsort: https://osp-freiburg.de/uber-uns/trainingszentren/leistungszentrum-herzogenhorn/