Raum-Zeit-Kontinuum

Wenn etwas von hier nach dort wandert oder sich im Zwischendrin in Bewegung befindet oder letztendlich sein Ziel erreicht oder von einem Aggregatzustand in den nächsten wechselt, dann würde ich es als Veränderung bezeichnen. Gerade einmal vor 13,8 Milliarden Jahren begann es mit der Mutter aller Dinge, dem Urknall.

Zugegeben, seitdem ist das eine oder andere geschehen, doch das Prinzip ist geblieben, denn Leben ist Veränderung, ob wir es wollen oder nicht. Wir stellen uns nur manchmal ganz schön an, wenn sich unser Dasein verändern soll. Am liebsten sollte alles so bleiben wie es ist: der Tag, die Arbeit, die Menschen, mit denen wir es zu tun haben und wenn’s geht auch noch der Super-Sommer 2018. Denn Veränderungen beeinflussen nicht nur uns selbst, sondern kreieren mit ihrem Dasein Verwirbelungen, die wir überhaupt nicht einschätzen können und uns manchmal mit übergroßer Skepsis beladen. Dabei empfinden wir es jedes Mal als aufregend, wenn sich etwas ereignet: Ein besserer Job tut sich auf, der Friseur überredet mich zu einem neuen Haarschnitt oder ich werde zu einem Fest mit vielen interessanten Menschen eingeladen und verbringe dadurch mein Wochenende gänzlich anders.

Solche Veränderungen mögen wir, denn sie haben alle eines gemeinsam: Sie reihen sich wie in einem Supermarkt vor uns auf. Wir sitzen davor, um mit spitzen Finger das eine oder das andere zu wählen oder lassen es sogar einfach an uns vorüber ziehen, wie ein Sturm im Herbst. Das Ende der Fahnenstange ist dann ein tägliches auf dem Sofa sitzen, um das Leben anderer zu beobachten.

Es ist ja nicht so, dass uns überhaupt nichts einfällt, was wir so über Tag eventuell noch verändern könnten. Manchmal rücken die Träume nah heran, sie glitzern dann ganz verheißungsvoll und wirken bunter als das Konfetti des Tischknallkörpers beim Silvester-Raclette. Manchmal fallen sie uns irgendwo zwischendrin wieder einmal ein, weil wir in einer netten Runde mit Freunden danach gefragt werden. An solchen Abenden trauen wir uns dann wirklich selbst die Frage zu stellen, warum wir eigentlich nie diesen Weg gegangen sind. Ein „Ach, das ist jetzt zu spät.“ kommt dann allzu leicht über die Lippen, dabei bräuchte unsere Vorstellung nur eine erneute Konfiguration. Doch vorgestellte Veränderungen können sich zu einer immensen Größe aufplustern und uns dadurch schlimmer als jedes schwarze Loch im Universum bedrohen.

Dabei bestehen wir aus Millionen von Atomen[1], die genau dieses probiert haben. Wir sind sozusagen ein Vorzeigestück eines großen Wagnisses. Das Dasein eines einzelnen Menschen ist eine ganz besondere Zusammenstellung und Verbindung, die diese kleinen Dinger eingegangen sind. Sie waren auf Sternen, in Blättern längst vergangener Bäume oder in einem kleinen Lebewesen auf dem Himalaya, das dort sein glückliches Leben aushauchte. Irgendwann gab es dann eine Lotterie, die Unzählige von ihnen dazu bewegten, in einem ganz bestimmten Menschen zusammen zu finden. Jeder von uns ist somit eine Special-Edition von etwas sehr Aufregendem.

Eine unglaubliche Anzahl dieser natürlich bestehenden Kleinstteile fügte sich zu etwas zusammen, um diesem Etwas für eine Weile eine Form zu schenken, mit der wiederum die Welt in Bewegung gebracht werden kann. Sie sind nicht unsterblich, auch wenn sie im Vergleich zum menschlichen Leben so erscheinen, umso kostbarer ist diese einmalige Zusammensetzung!

Vielleicht erinnern wir uns daran, wenn wir über unsere Träume nachdenken. Jeder Einzelne von uns ist ganz besonders und vermag dadurch dem Besonderen Gestalt geben.

 

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Anmerk. z. Titel: Der Mensch erlebt Ort und Zeit als zwei verschiedene Gegebenheiten. Deshalb vergessen wir so leicht, dass beide sich untereinander bedingen.
[1] Bill Bryson schrieb dazu: Atome sind unglaublich dauerhaft. Mit ihrer Langlebigkeit kommen die Atome wirklich weit herum. Jedes Atom in einem Menschen hat wahrscheinlich schon Aufenthalte in mehreren Sternen hinter sich und war auf dem Weg zu seiner jetzigen Position schon Bestandteil von Millionen Lebewesen. Jeder von uns besteht aus so vielen ständig wieder verwerteten Atomen, das eine beträchtliche Zahl davon –nach meinen Schätzungen bis zu einer Milliarde in jedem Menschen- vermutlich einst zu Shakespeare gehörte. Jeweils eine weitere Milliarde stammt von Budda, Dschingis Khan und Beethoven oder jeder anderen historischen Gestalt, die uns einfällt (aus der entferntesten Vergangenheit müssen sie allerdings stammen, denn es dauert natürlich ein paar Jahrzehnte, bis die Atome aus einem Körper sich wieder verteilt haben; bisher ist also niemand auf diese Weise mit Elvis Presley vereint, so sehr manch einer sich das auch wünschen mag.) in „Eine kurze Geschichte von fast allem“, München, 2004.