Bodenpersonal

Der Hamburger Feierabendverkehr brachte mich noch um! Zentimeterweise rollte mein Wagen durch die Metallmassen und die Gedanken gönnten sich den Luxus des zerfledderten Daseins. Sie sprangen hierhin und dorthin, je nachdem, was mein Auge gerade einfing und die Finger wippten mit den Klängen des neusten Sommerhits.

Ein dröhnendes Geräusch eines Motorrollers fixierte nur zu leicht meine Aufmerksamkeit. Ich war dankbar für jede Verkürzung meines gefühlt hundert Jahre dauernden Staus. Mit einem Wuuusch fuhr etwas Dunkles knapp an meiner Tür vorbei und umschlängelte mit einiger Kunstfertigkeit die kantigen Ecken der Autos. Keine zwei Meter vor mir kam der wendige Fahrer nicht mehr weiter und stand direkt neben einem Pkw mit Kindern auf dem Rücksitz. Etwas gedankenverloren beobachtete ich das Geschehen vor mir und musste lächeln. Ein lang gewachsener Mann im dunklen Anzug und Helm saß auf einem schwarzen Roller. Er wartete sichtlich gut gelaunt auf eine Möglichkeit zur Durchfahrt. Das Jackett flatterte bis eben im Fahrwind und zeigte sein weißes Hemd. Gut geputzte schwarze, schmal geschnittene Schuhe blitzten in der späten Nachmittagssonne und verwiesen auf die dunklen Socken, die anscheinend einen Schriftzug an der Seite trugen. Beim nächsten Anfahren würde ich es erkennen können. Der wirkliche Hingucker lag aber in der weißen, getollten Halskrause, die ihn als Hamburger Pastor auswies. Nicht nur bessere Sicht veranlasste ihn, beim Warten sein Visier hoch zu klappen. Die Sonne brannte, als wenn es kein Morgen mehr gäbe und die Temperaturen schienen sich auf dem Asphalt noch zu verdoppeln. Ich war dankbar für meine Klimaanlage, die die Familie vor mir eindeutig nicht besaß, denn alle Fenster ihres Pkws standen offen.

Eine Kinderhand stahl sich durch die Fensteröffnung. Der kleine Zeigefinger streckte sich Zentimeter um Zentimeter weiter zu dem wartenden Pastor, der gerade in diesem Moment ebenfalls den Kontaktversuch des kleinen Jungen bemerkte und seinen Kopf zu ihm wandte. Er sagte etwas, doch durch meine brummende Klimaanlage und den geschlossenen Fenstern konnte ich es nicht verstehen. Ich muss gestehen, ich zögerte nicht wirklich. Mit einer Handbewegung beendete ich per Knopfdruck das Gebrumme und ließ gaaaannnnnzzz langsam mein Fenster ein wenig herunter.

„…natürlich ist die echt! Wenn du vorsichtig bist, dann darfst du sie gern anfassen.“

Der kleine Junge versuchte sich nun etwas aufzusetzen, doch der Anschnallgurt in seinem Kindersitz ließ ihm nicht wirklich viel Spielraum. Nach einigem Herumruckeln und vergeblichem Ausstrecken des Armes, wollte gerade der daneben sitzende Bruder den Kleinen losschnallen, als der Pastor den Kopf schüttelte und es mit der Hand abwehrend untersagte.

Er lachte. „Wir wollen doch nicht, dass uns irgendein Polizist sieht, oder? Wir machen das anders.“

Kurzentschlossen beugte er sich samt Roller zum Autofenster, so dass der Junge die Halskrause berühren konnte. Ganz vorsichtig tippte der kleine Finger an den Halsschmuck. Ich konnte den Neugierigen gut verstehen. Aus der Nähe betrachtet, übten die exakt gestärkten und gebügelten Wellen ihre eigene Faszination aus. Eine Pastorin erzählte mir einmal, dass es nur noch zwei Orte in Hamburg gab, die sich auf diese Fertigkeit verstanden.

Der Verkehr rollte wieder ein wenig weiter. Ich sah die beiden Jungen ganz aufgeregt auf dem Rücksitz diskutieren. Der großzügige Pastor fuhr ebenfalls ein Stückchen und sucht dabei etwas in seinen Jackettaschen. Schließlich zog er eine Karte aus dem Innenfutter und gab diese dem Vater des Jungen mit einem Nicken. Dieser betrachtete das Ausgehändigte kurz, lächelte, sagte etwas und winkte. Ich seufzte. Jetzt hätte ich wirklich gern gewusst, was auf der Karte stand.

Es war einer der Nachmittage, die nicht nur heißes Flimmerlicht auf der Straße entstehen ließ; der Verkehrsfunk warnte davor, überhaupt noch in die Innenstadt zu fahren. Super! Dachte irgendwer darüber nach, dass solch eine Nachricht wie Hohn auf die Menschen wirkte, die bereits diesen Fehler begangen hatten?

Jetzt musste ich noch zwei große Kreuzungen bewältigen, dann müsste das Schlimmste geschafft sein. Im Moment absolvierte meine Fahrtrichtung lediglich eine Autolänge pro Ampelphase. Zwischendrin tat sich sogar überhaupt nichts mehr, da der Gegenverkehr anscheinend nur noch über Autofahrer mit Tunnelblick verfügte. Sie stellten gnadenlos ihr Prachtexemplar mitten auf die Kreuzung, obwohl bereits der Verkehrskollaps eindeutig den Raum einnahm. Mittenmang versuchten Fußgänger die Übergangsstreifen wiederzufinden, was eher einem chaotischen Entdeckungsspiel aus der Kindheit glich.

Nun stand ich gemeinsam mit dem Pastor vor dem Zebrastreifen. Das Durcheinander zwischen den Fahrtrichtungen schien perfekt und ich konnte nicht wirklich sagen, ob ich jemals in diesem Sommer diese Kreuzung verlassen würde. Die gleichen Empfindungen spiegelten sich im Gesicht eines alten Herrens, der an der Fußgängerampel wartete. Mit Gehwagen bewaffnet und sichtlich nervös starrte er auf die rot-grünen Männchen im Ampellicht; ab und an wollte er einen Schritt gehen und entschied sich trotzdem dagegen. Im Stehen fühlte sich die Hitze noch schlimmer an, hier ließen sich eindeutig Kekse backen. So verwunderte es mich nicht wirklich, dass sich der Kirchenmann seines Helmes entledigte, mit dem Ärmel seines Jacketts über die Stirn fuhr und sich hinstellte. Er hängte seinen Helm an den Lenker, drehte sich zu uns Autofahrern herum und hob die Hände, als stünde er auf der Kanzel, um die Aufmerksamkeit der Menschen einzufangen. Keine Frage, die hatte er nun. Fasziniert folgte ich seinen Bewegungen und vergaß, was ich eigentlich wollte. Ich lehnte mit einem Arm über meinem Lenkrad und mit dem anderen im Fensterrahmen meiner Tür.

Welches Selbstbewusstsein musste dieser Mann besitzen, dass er ganz ruhig, ohne ersichtliche Nervosität, einfach handelte, als stünde er mutterseelenallein hier auf der Straße? Er machte das, was er für richtig hielt und erinnerte mich durch sein Verhalten an die Figur des Pater Browns in den alten Verfilmungen mit Heinz Rühmann. Verschmitzt umging die damalige Filmfigur Normen, einfach so, einfach cool. Menschliches blieb menschlich, auch wenn das Übliche unter dem Nicht-Üblichen litt.

Mit schnellen Schritten ging nun der heutige Pastor zum alten Herrn, hakte ihn ein, scherzte und führte ihn mit langsamen Schritten auf die andere Seite. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass der Verkehrskollaps eingefroren schien. Niemand hupte, niemand schimpfte und niemand verlor die Contenance. Die Ampelphasen wiederholten sich noch zweimal bis die beiden das Ziel erreichten. Der alte Herr drückte dankbar die Schulter seines Helfers. Dieser nickte kurz und gab ihm auch eine Karte. Auf dem Weg zu seinem Roller verteilte er noch weitere an die neugierigen Autofahrer. So hatte ich Glück mit meiner guten Warteposition; ich bekam auch eine ab.

Es war keine professionelle Karte. Lediglich ein Stück festeres Papier mit Namen und Anschrift verrieten, mit wem ich es zu tun hatte. Auf der Rückseite stand handschriftlich:

Bitte kommen Sie nicht zu meinem Gottesdienst!  Mein Kirche ist alt und die Bänke morsch. Sollte jemand den Mut besitzen, trotzdem zu kommen, so kann er gern anschließend mit mir eine Tasse Kaffee trinken (Kuchen gibt es auch).

 

P.S.: Selbstverständlich ging ich zu seinem Gottesdienst und mit mir wahrscheinlich halb Hamburg. Zum Glück besaß dieser Pastor keinerlei Einschätzungsvermögen. Seine „alte“ Kirche war jedem Hamburger wohl bekannt und wunderschön.

P.P.S.: Außerdem fragte ich ihn bei der Tasse Kaffee, warum er an dem heißen Tag auch noch seine Halskrause beim Rollerfahren trug. Er lachte mich mit einem Augenzwinkern an und zog sein rechtes Hosenbein hoch. Auf seinem dunklen Strumpf las ich:

„Im Auftrag unterwegs!“