Im Lot sein

Immer wieder dachte ich an das Training und wusste nicht warum. Nein, das stimmte nicht ganz. Natürlich wusste ich warum, schließlich kannte ich mich selbst schon ein wenig länger. Irgendwo tummelte sich eine Frage, die mich nicht in Ruhe ließ. Das unbestimmte Gefühl des Nichtverstehens bemerkte ich schon während des Abends. Ich konnte es aber meinem Lehrer gegenüber nicht in Worte fassen. Während ich auf dem Rückweg in der Bahn saß und meinen Gedanken nachhing, kam ich immerhin so weit, dass ich herausfand, warum sich dies Unvermögen einschlich. Wenn sich für mich eine Frage ergab und meine Gedanken konnten eine logische Antwort darauf geben, dann könnte ein unbedarfter Dritter sagen, die Frage hätte sich erübrigt. Jetzt saß ich aber da und wusste ganz genau, dem war nicht so. Also besaß die Antwort auf meine Frage noch eine andere Facette; ich hatte sie bisher nur noch nicht gefunden.

Die Fenster des Dojo standen weit offen. Kühlere Luft als sonst wehte immer wieder hinein und tat nach den vielen heißen Tagen richtig gut. Als ich auf der Matte stand und mit geschlossenen Augen in mich hinein horchte, hätte ich meinen können, auf einem Hügel irgendwo draußen auf einem Feld zu stehen. Allein schon für dieses Gefühl konnte ich mich verlieren. Doch das war nicht die Aufgabe. Ich stand meinem Trainingspartner gegenüber, der mit einer Hand auf meinem Oberarm einen leichten Impuls gab. Es ging um die Achse des Menschen, die vertikal vom Kopf bis zum Boden führte, als hielte ich einen aufrechten Stab direkt vor dem Bauch in meinen Händen.

Wenn ich allein, ohne Einfluss von außen, gerade und fest mit beiden Beinen aufrecht dastand, dann lag mein Schwerpunkt genau in der Mitte meines Körpers. Beide Füße trugen sozusagen 50% meines Gewichtes; das war die absolute Verankerung und Standfestigkeit. Neigte ich meinen Körper ein wenig nach links, dann trug mein linker Fuß je nach Neigung immer mehr meines Gesamtgewichtes. Dies Spiel ließ sich so weit treiben, bis mein Schwerpunkt gänzlich auf der linken Seite lag und ich meinen rechten Fuß ohne Anstrengung heben konnte. Das gleiche galt natürlich für die andere Seite. Bildhaft gesehen war ein Lot an meiner Schädeldecke montiert und ich hielt es die ganze Zeit in einem ruhigen geraden Zustand; egal, wie ich mich bewegte.

Nun sollte dies Lot auch in einem ruhigen Zustand bleiben, obwohl mein Gegenüber mir mit seiner Hand den geraden Stand durcheinander bringen wollte. Bei der Demonstration der Aufgabe zeigte mein Lehrer drei Finger hoch, für die Anzahl der Möglichkeiten, die dem Aikidoka blieben, um dies Kunststück zu vollführen. Bei der Übung darf nicht unerwähnt bleiben, dass das Geradehalten der eigenen Achse nicht bedeutet, den Ober- und Unterkörper unbedingt immer gleich ausgerichtet halten zu müssen!

Meine linke Körperhälfte zeigte mit Hand und Fuß nach vorn, trotzdem blieb als Ausgangspunkt meine Achse mittig, so dass die Körperhälften ihre 50/50-Aufteilung besaßen. Jetzt kam der Einfluss meines Gegenübers ins Spiel. Netterweise blieb mein Trainingspartner sehr langsam und sachte in seinen Bewegungen, damit ich auch mit geschlossenen Augen die Veränderung meiner eigenen Achse spüren konnte. Sobald einmal die Wahrnehmung erfolgreich gemeistert wurde, ging es ans Ausprobieren der drei Handhabungen.

Beim ersten spürbaren Einfluss durch den anderen könnte ich sofort mit einem kurzen Verharren meines Oberkörpers die Beinstellung verändern. Ohne den tiefen Stand meiner Hüfte zu verlassen, drehte ich diese und wechselte dabei die Fußstellung. Mein rechter Fuß stand nun vorn. Im Normaltempo würde es so schnell gehen, dass mein Angreifer in der Sekunde des Griffs überhaupt nicht die Veränderung bemerkte. Erst in der Folgesekunde würde meine berührte Schulter dem Impuls meines Gegenübers folgen und nach hinten biegen. Die Energie meines Gegenübers nahm dadurch keinen Widerstand wahr.

Dann bestand die Möglichkeit, den Schwerpunkt meiner Achse nach vorn zu verschieben, indem ich sofort bei Kontakt einen Schritt mit meinem rechten Fuß an die Seite meines Partners wagte und damit dem Angriff entging. Meine linke Schulter würde ebenfalls nach hinten wegbiegen, um nicht im Wege zu sein.

Oder es bestand die Möglichkeit, den Schwerpunkt nach hinten zu verlagern, indem ich meinen vorderen Fuß zurück zog; doch dies wäre die schlechteste Variante, da dadurch eine weitere Bewegung notwendig war, um einen besseren Stand zu erhalten.

Die drei Ausführungen waren nach einigem Probieren klar. Also, wo war das Problem? Die Antwort lag ja eindeutig darin, sich selbst als Angegriffener nicht nur zu positionieren, sondern und – vor allem dies – auch mit einem festen verankerten Stand zu tun.

Etwas mit mir selbst unzufrieden saß ich immer noch in der Bahn. Ich nahm mein Buch aus der Tasche, schlug es auf und las:

„…Und doch gab ich mich zufrieden, fing ich doch an zu begreifen, weshalb man die in ein System gebrachte Selbstverteidigung, welche den Gegner dadurch zu Fall bringt, dass man seinen leidenschaftlich vorgetragenen Angriff unvermutet und ohne jeden Kraftaufwand elastisch nachgibt und so erreicht, dass sich seine Kraft gegen ihn selbst verkehrt – weshalb man also diese Weise der Selbstverteidigung als „sanfte Kunst“ bezeichnet und seit unvordenklichen Zeiten als ihr Urbild das ausweichende und doch niemals weichende Wasser ansieht, so dass Laotse tiefsinnig sagen kann, das rechte Leben gleiche dem Wasser, welches zu allem passend sich allem anpasst…“[1]

Fassungslos saß ich inmitten fremder Menschen und lächelte. Ich hatte das Gefühl, meine Antwort bekommen zu haben.

 

 

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Trainingsort:      http://aikidozentrum.com/
[1] Eugen Herrigel, ZEN in der Kunst des Bogenschießens, München, 2011, S. 33-34.