Let us cling together…

Ein außergewöhnlicher Abend hinterließ eigenwillige Bilder und Momentaufnahmen in meinem Kopf. Tausend Eindrücke schienen sich zu stapeln und in immer stärkerer Geschwindigkeit aus der Erinnerung herunter zu fallen, als spielte mein Körper das damals von mir heißgeliebte Tetris.
Ich lag bäuchlings auf den Matten im Scheinwerferlicht. Neben mir, vor mir und hinter mir befanden sich andere Aikidoka und bewegten sich in harmonischer Weise zu den Klängen eines Liedes. Wir hielten große Tücher in den Händen und warfen sie immer wieder wellenförmig über unsere Köpfe. Der Eindruck für die Zuschauer auf den keine fünf Meter entfernten Holzbänken entsprach wahrscheinlich dem Blick auf sich windende Lindwürmer, doch das Prinzip wurde deutlich: Wir waren das Meer…
Die Musik veränderte sich. In Zeitlupe standen wir auf und formierten kleine Gruppen: Die Japaner, das Volk und die Piraten. Es war noch keine halbe Stunde her, da suchten wir Darsteller aus vielen mitgebrachten Kleidertüten unsere Kostüme aus. Das Ergebnis war fantastisch bis sehr fantastisch. Gut zwanzig Personen verwandelten sich in Eigenkreation mit Schminke, Tüchern und Perücken in eine bunte Gruppe, die sich quirlig im warmen Licht der Strahler präsentierte. Auch kleine und große Kinder mischten kräftig mit.
Unsere Organisatorin dieses fantastischen Abends spielte auf dem elektronischen Klavier, imitierte Geräusche mit der eigenen Stimme, gab leise und laute Anweisungen und fegte wie ein Wirbelwind über die Mattenfläche. Einen Tag vorher durften wir proben und uns ein wenig in das Kommende hinein fühlen; aber nur ein klein wenig. Denn die gewollte Aufregung lag nicht in der Vorbereitung, sondern im Tun während des Abends, deshalb wurde das Aussuchen der Kostüme kurz vor den Beginn der Aufführung gelegt. Selbst die Inhalte des Stückes blieben bis zu diesem Punkt teilweise verborgen. So ergab sich für jeden Teilnehmenden immer wieder etwas Überraschendes; wir waren gleichzeitig Zuschauer und Akteure.
Allein die ganze Vorbereitung machte Spaß. Ich gehörte zu den Piraten, zog mir ein schiefes Oberteil über, ließ mir von einem kleinen Mädchen eine Narbe auf die Wange malen und band mir ein grünes Tuch über den Kopf und eines um die Hüfte. Überhaupt nicht spektakulär und trotzdem fühlte ich mich zurückversetzt in meine Schulzeit, in der wir noch Fasching mit aller Inbrunst feierten. Kleider machten Leute. So veränderte das bunte Äußere die Akteure. Wir waren nicht nur Aikidoka, sondern Schauspieler in einer Gruppe, die durch eine gemeinsame Aufgabe sich näher kennenlernten. Wir rückten zusammen und brauchten nicht mehr unsere Namen, wir brauchten nur noch einen lachenden Blick bei einem Tanz, der Seite an Seite seine eigenen Schwingungen freisetzte.
Gleich den Bewegungen in der von uns tagsüber ausgeübten Kampfkunst zogen sich die Spiralen der Energien durch die Luft und fingen jeden Anwesenden ein. Selbst das Publikum besaß die Aufgabe ein Ungeheuer zu spielen und gehörte damit zu der wirbelnden Gruppe, die die Themen des Stückes nicht nur in dem Gespielten ihren Ausdruck gab, sondern sie auch wirklich lebte.
Es ging um die großen Dinge des Lebens: Reise, Veränderung, Liebe, Kampf und immer wieder Frieden, der sich seinen Weg von dem ersten Ton bis zur letzten gesprochenen Zeile zog. Einzelne zeigten ihr Können: Mädchen schlugen Räder, Jungen rollten auf den Matten von einem Ende zum nächsten; ein Gitarrenspieler ließ ein Hamburger Lied mit seiner schönen Stimme lebendig werden; eine junge Frau tanzte allein im Rampenlicht und zog den Betrachter mit ihren Bewegungen in den Bann. Die gesungenen Melodien hüllten jeden Einzelnen in eine Wolke als pustete jemand die Samen tausender Löwenzähne in die Luft.
Durch den Elan einer einzigen Frau entstand ein Zusammensein mit Musik, Schauspiel, Tanz und dem besonderen Gefühl, etwas Kostbares für einige Stunden lebendig werden zu lassen.
Wenn ich jetzt auf der Matte mit jemandem trainierte, dann geschah es mir immer wieder, dass ich das Zwinkern eines Piratens sah, die roten Wangen einer Japanerin wiedererkannte oder ich jemanden die Melodie eines Liedes summen hörte.
Am Tage lernten wir, kämpften, warfen uns gegenseitig in Rollen und lachten über unsere gegenseitigen Missgeschicke. Auch wenn wir uns in einer gelösten Atmosphäre befanden, so bewegten wir uns in einem Rahmen, der nur einen Teil unseres Selbst offenbarte. Verlegte sich das Beisammensein in neue Inhalte, dann ergab sich dadurch ein Kennenlernen auf einer anderen Ebene und offenbarte weitere Facetten der Menschen, mit denen wir es zu tun hatten.
Einfach schön!

 

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Anm. zum Titel: Erste Worte des Refrains aus dem Lied Teo Torriatte.
Lasst uns zusammenrücken, anschmiegen…
Organisatorin: Ishlar Smolny, 2. Dan
Veranstaltungsort: http://www.aikido-ostseecamp.de