Stock und Schwert

Die Stäbe trafen aufeinander. Der Ton hallte in den Ohren fast schmerzhaft wider und trotzdem mochten wir nicht aufhören. Die Bewegungen waren rund, mit viel Energie und Freude. Intensität lag zwischen den Kämpfenden. Jeder noch so kleine Schritt des Gegenübers blieb dem eigenen Auge nicht verborgen, da Achtsamkeit für ein Ineinanderfügen der Formen wichtig war. Getragen von der Aufmerksamkeit des Trainingspartners dachte ich nicht über die Richtigkeit meiner Ausführungen nach, sondern ließ mich von den Schwingungen meiner Waffe führen. Meine Hände berührten das Ende des Stabes, tauschten den Griff, hoben oder senkten meinen verlängerten Arm gemäß dem mir entgegengebrachten Impuls.

Kämpfen heißt, auf einen Punkt fokussiert zu sein, sowie alle die mir möglichen Informationen meiner Sinne wahrzunehmen. Sie werden zusammengeführt an den Gegner abgegeben. Es ist ein Ballspiel der Energien. In meinen Augen ist das eine Art von Kunst, die uns eine neue Welt eröffnet. Hier können wir in Ruhe betrachten oder uns verlieren. Das von uns selbst Gefunden-werden ist dann unser Lohn.

Heute empfinde ich das Kämpfen anders als noch vor einigen Jahren. Meine ersten Waffenstunden paralysierten mich förmlich. Meine Augen hoben wie ein Brennglas jede Einzelheit hervor, kreisten sie ein und konnten dabei keinen anderen noch so wichtigen Punkt erfassen. Sah ich das Schwert, so sah ich nur das Schwert. Sah ich die Augen des Gegners, so sah ich nur diese. Sah ich die Ruhe und Kunst meines Gegenübers, so konnte ich diese nur bestaunen und unterließ jegliche Aktivität meinerseits, da es mich berührte, selbst im Fokus zu liegen.

Es gab für mich viele Fragen, die sich erst mit der Zeit beantworten ließen. Neugier ist mit Sicherheit eine große Triebfeder, doch sie brachte mich lediglich dazu, ein Schwert einmal schwingen zu wollen. Als ich zu diesem Punkt kam, merkte ich, dass ich kaum in der Lage war, mit der Waffe einen Schlag bis zum Ende auszuführen; immer wieder stoppte ich auf halben Wege. Mit einem halben Angriff kann ein Trainingspartner nichts anfangen. Also übte ich und je mehr ich übte, umso mehr erkannte ich die selbstgesetzten Grenzen, die ich nicht mehr akzeptieren wollte. In der Grundschule konnte ich mich noch gut rangeln, doch irgendwann hat man mir erklärt, dass Mädchen so etwas nicht tun. Es gibt bereits unzählige Einschränkungen, die ein Einzelner zu berücksichtigen hat, sei es durch Konventionen oder Notwendigkeiten; niemand braucht dann noch eigene aufgebaute Lattenzäune.

Das Kämpfen mit Waffen ist eine eigenwillige Seite des Aikido.  Waffen sind martialisch und furchteinflößend, doch… Aikido ist es nicht.

Als ich einmal mit meinem Lehrer darüber sprach, meinte er, dass Waffen trotz und alledem immer noch Waffen sind, auch wenn sie in friedlicher Absicht gehandhabt werden. Jeder, der eine Waffe führt, sollte sich dessen bewusst sein, er würde sie doch auch im Notfall nutzen, oder? Wahrscheinlich.

Die Wurzeln des Aikido liegen in den Kampftechniken der Samurai. Um also dem Wesen dieser Kampfkunst überhaupt näher kommen zu können, üben Aikidokas mit dem Schwert oder Stab. Es gibt einige Techniken, deren Feinheiten z.B. mit dem Schwert in der Hand wesentlich leichter verstanden werden können. Trotzdem wird es in der Aikido-Welt sehr unterschiedlich gehandhabt: In manchen Dojos sind Waffenstunden ein Bestandteil des Trainings. Es existieren aber auch Dojos, die die Handhabung von Waffen gänzlich ablehnen. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch, es ist eher eine Frage der eigenen Vorlieben, aber auch Ansichten.

Waffenstunden sind ausgesprochen intensiv und fordern den absoluten Fokus des Kämpfenden. Es gibt nur ein Ganz oder Gar-nicht. Wer einmal dies Absolute empfunden hat, wird es immer wieder suchen, da Körper und Geist bis aufs Äußerste herausgefordert werden. Noch heute kann es mich bis aufs Mark erschrecken, wenn mein Gegenüber sehr akkurat und gezielt seinen Fokus auf meine Sinne legt, um mich anzugreifen. Es gibt dann kein Denken mehr, nur noch ein Handeln.

Wir Menschen wachsen durch die Dinge, die unsere Leidenschaften ausmachen. Mit ihnen bekommen wir die Möglichkeit, Wesentliches von uns selbst zu erfahren.

Wer weiß schon, wohin sie uns führen?