Flieg doch mal ein Stückchen höher!

Mit geschlossenen Augen schienen sich meine Sinne auf das Spiel einlassen zu wollen. Jeder winzige noch so kleine Impuls hallte in meinem Inneren überlaut wider. Es brauchte nicht mehr viel, dann wäre der Empfindungsregler wegen Überreizung einem Durchbrennen nahe. Vorsichtig ließ ich meine Hand zur Seite ins Wasser gleiten. Der Temperaturunterschied durchzog mich gleich einem elektrischen Schlag. Ein gewolltes Erschrecken im ersten Moment, dann ein genossenes Abkühlen der bereits überhitzten Hautoberfläche, die nun schon fast eine Stunde in der prallen Sonne lag. So manch einer könnte mich belächeln: Meine Güte, die Gute liegt herum und sonnt sich. Ja, das tut sie. Es ist immer die Spitze eines Eisberges, die sich einem Anderen offenbart, nicht mehr und nicht weniger. Doch niemand konnte diesen Gedanken denken. Ich war allein mit meiner Matratze auf der glitzernden Trennfläche zwischen Wasser und Luft und fühlte mich wohl.

Eigentlich mochte ich keine Sonnenbäder, noch nie. Als Mädchen wurde mir immer schnell warm oder schlimmstenfalls schlecht. Meine Haut glich oft einem Hummer, dem es nach dem Besuch in einem heißen Wasserbad überhaupt nicht mehr gut ging.

Heute Morgen galt mein erster Blick dem Wetter. Ich erwischte mich selbst bei dem Gedanken, mich einfach in die Sonne legen zu wollen. Ich wusste gar nicht, ob es mir heute als Erwachsene überhaupt gefallen würde. Ich hatte Urlaub und alle Zeit der Welt…Selbstverständlich könnte ich das tun, was ich immer tat, doch ist ein Leben ohne Änderung, ohne ein Ausprobieren und Neues erfahren, nicht langweilig?

Die Hartgesottenen könnten nun sagen: „Na und? Ich fühle mich ok wie es ist, warum sollte ich es ändern?“

Stimmt. Wenn ein Ok ausreicht, ist es absolut in Ordnung. Nur um sicher zu gehen, hier eine andere Sichtweise:

Ich setze einmal ein „Ok“-Leben gedanklich einem 15 Jahre alten VW-Golf gleich, der viele tausend Roststellen aufweist, aber immerhin noch ein Jahr TÜV besitzt und 1a läuft. Damit könnte ich gut zurechtkommen. Das ist eine Möglichkeit. Angenommen jemand käme und würde mir als Besitzer dieses Wagens Folgendes erklären: „Mensch, wenn du dich ein klein wenig bewegst, etwas hier und dort veränderst, dann bekommst du ganz umsonst einen Neuwagen der gleichen Klasse!“ 9 von 10 Personen würden dieses Angebot annehmen. Der eine Übriggebliebene ist der Ungläubige, der lieber bei dem Alten bleibt; schließlich weiß er dann, was er hat.

Eine unglaubliche Sache! Wer schenkt schon so tolle Sachen her, nur für ein paar Kleinigkeiten, die ich in meinem Leben verändere? Auch wenn wir hier schon den Glauben verlieren könnten, es gibt noch eine Steigerung! Angenommen, das überragende Angebot bestünde nun darin, dass wir uns den Traumwagen in einer Special-Edition aussuchen dürften, einfach so! Naja, ich will es jetzt nicht übertreiben, doch das Prinzip erklärt sich.

Wenn ich immer nur das tue, was ich bisher tat, so wird sich mein Leben kein Stück verändern und ich bleibe bei meinem gedanklichen 15 Jahre alten Golf. Ich hätte niemals eine Chance auf ein besseres Leben. Da sich alles andere um mich herum in Bewegung befindet, wäre es sogar ein Rückschritt. Wäre ich bereit, ab und zu ein klein wenig Zeit für Neues zu investieren?

Es geschehen dann schöne und aufregende Dinge. Naja, und manchmal gibt es dann einen Sonnenbrand…