24/7 x 52 x wir wissen es nicht

Es gibt kein Halten mehr. Der Zug nimmt Fahrt auf. Noch könnte ich gemütlich nebenher gehen, dann etwas flotter und dann muss ich mich entscheiden, ob ich aufspringe oder meine Hände von der Haltestange löse. Einen winzigen Moment glaube ich, mich nicht entscheiden zu können. Einen kleinen Moment lang setzt die Atmung aus, da ich mir unsicher bin, ob ich das Richtige tue. Dann kommt ein Lächeln und ich stehe auf dem Tritt des Waggons.

Das Stampfen der Räder dringt an meine Ohren, versetzt mich in ein anderes Jahrhundert meines Menschseins, mit anderen Farben und Gerüchen. Leben in einer anderen Zeit-Ebene fühlt sich rau an, als beginnen erst die Fugen des Daseins ineinander zu greifen, noch ungeübt, noch ungeschickt in der Führung der Schicksale des umgebenen Lebens. Kantig bahnt es sich seinen Weg mit stockenden Bewegungen des beginnenden Jahrhunderts, das damals noch nicht wusste, was in solchen Momenten geboren wurde und sein Schicksal nahm.

Fahrtwind streicht über meine ausgestreckte Hand. Kühl und warm, frisch nach Apfel riechend, denn die Erntezeit bahnte sich an. Die Reisenden sehen aus dem Fenster ganze Landstriche voller Apfelbäume, die mit roten Punkten übersäht zu sein scheinen. Dazwischen liegt nur grünes Gras, soweit das Auge reichte. Mein Empfinden über die Schnelligkeit des Zuges ist relativ, ich bilde mir ein, dass ich mit meinem Fahrrad ohne größere Anstrengung nebenher fahren könnte. Folge ich den Unterhaltungen meiner Mitreisenden, so höre ich ihre Überwältigung über die rasante Fahrt. Wie immer liegt die Wahrheit im Auge des Betrachters.

Mir gegenüber sitzt ein älterer Herr. Sehr korrekt gekleidet, sehr korrekt in seiner Haltung und sehr korrekt in seiner Distanz mir gegenüber. Wie wir uns setzten, begrüßte er mich zuvorkommend und charmant. Seitdem schweigen wir, denn jeder geht seiner Beschäftigung nach. Ich betrachte seine Hände, die mit einem Bleistift Bemerkungen auf ein Papier schreiben, das auf seinem Lesestoff für die nächsten Stunden liegt. Immer wieder wagt er einen Blick aus dem Fenster, scheint über etwas nachzudenken, schreibt es nieder, hält inne, liest das Geschriebene, um schließlich wieder aus dem Fenster zu blicken. Er nimmt sich die Zeit, seinen Gedanken Form zu geben, sie in geeignete Worte zu fassen, sie so nah wie möglich an das Gedachte heran zu holen. Es ist kein schnelles Tippen, kein Hasten von einem Thema zu nächsten oder nur oberflächliches Betrachten für den einen Moment. Er hat Zeit während der Reise und nutzt diese für ein intensives Studium seiner Selbst oder einer gewählten Überlegung.

Ich schaue auch aus dem Fenster und betrachte die für mich langsam vorbeiziehende Landschaft. In einem ICE würde ich kaum die einzelnen Bäume erkennen können. Je schneller ich fahre, umso mehr verliert ein Gegenstand seine Existenz. Wann wäre der Moment erreicht, wo wir diesen Gegenstand nicht mehr erkennen würden und felsenfest davon überzeugt wären, er existiere nicht? Erschrocken denke ich diese Überlegung weiter: Wenn wir uns immer schneller bewegen, von einem Moment in den nächsten oder von einer Beschäftigung zur nächsten oder von einem Ort zum nächsten, wann hören wir auf zu existieren? Wann wird das Menschsein seinen ursprünglichen Gedanken verloren haben, so dass wir mit leeren Händen dastehen? Würden wir es bemerken? Bewegen sich dann leere Hüllen durch die Welt, die dann die Leere nur noch mit ihrem Körper füllen?

So hole ich meine Gedanken wieder zurück und reduziere ihr voreiliges Nachvorne-Preschen, damit mich das Bedrückt-Sein nicht einholt. Ich drehe die Medaille:

Nehme ich die mir geschenkte Zeit und stelle sie mit meiner eigenen Geschwindigkeit in Relation, nutze sie für das mir wichtig Erscheinende und fülle sie mit meinem ganzen Sein, dann halte ich mein Leben in der Hand. Ich halte es und niemand kann es mir nehmen, auch nicht die Geschwindigkeit, außer ich würde es wollen.

Ich berühre vorsichtig das Glas des Fensters. Es fühlt sich kühl an. Ich berühre den Rand des Buches, das auf meinem Schoß liegt. Die inne liegenden Worte versprechen noch viel Vergnügen. Ich streiche mit dem Zeigefinger der rechten Hand über den Rücken meiner linken. Ich bin da. Mein Blick hebt sich, um nochmals aus dem Fenster zu schauen und sehe, dass ich von meinem Gegenüber beobachtet werde. Verlegen lächle ich. Zum ersten Mal sehe ich meinen Mitreisenden mich betrachten und spüre sogleich meine Zufriedenheit über ein Erkennen:

Wir können nicht leer sein, solange unsere Aufmerksamkeit auf das Leben um uns herum bestehen bleibt. Das Miteinander füllt uns bis zur letzten vorbeistreichenden Sekunde. Es ist die Fülle, die wir suchen.