Glühwürmchen

Noch einen Monat, dann würde ich diesen Ort verlassen. Ein komisches Gefühl, ein unwirkliches Gefühl, ich könnte genauso sagen, der Weihnachtsmann kommt oder ich habe sechs Richtige im Lotto gewonnen. Es war einfach unvorstellbar. Dieses Dorf beherbergte 371 Bewohner. Manchmal wurde jemand geboren und ganz oft starb jemand. Irgendwann würde dieser Ort nicht mehr existieren, weil niemand hier leben würde; vielleicht die Bären, die manchmal im Winter hier nach Futterresten in den Mülltonnen suchten, doch dann wäre ich auch nicht mehr da.

Ich lebte zwischen Gletscherresten, einem besonders dichten Wald, der nie zu enden schien und zwei Flüssen, die hier vor der Haustür zusammenfanden. Hier lebte ich schon 27 Jahre allein mit meinem Großvater. Neuerdings verbrachte dieser einen Großteil seiner Zeit jedoch im Nachbarort bei seiner Freundin, die ihn über alles liebte. Das konnte ich gut verstehen, denn ich liebte ihn auch, doch ich musste wohl mit dem Makel leben, als erwachsen zu gelten. So oft Opa und ich es einrichten konnten, tranken wir nachmittags einen gemeinsamen Kaffee, doch dann zog es ihn wieder zu seiner Hanna. Das war in Ordnung und ich sollte mich auch darüber freuen, doch manchmal überfiel mich doch ein wenig die Eifersucht.

Unsere Wohnstraße war für die Autos eine Sackgasse und für die Fußgänger der Haupteingang in den Wald. Opas Eltern erbauten das Haus mit viel solidem Holz und Zugluft. Schimmel konnte so nicht entstehen, denn die Durchlüftung klappte hervorragend. Im Winter brauchte ich zusätzlich ein Kirschkernkissen, um eine vernünftige Wärme zum Schlafen entwickeln zu können.

Ich ging im Nachbarort zur Schule, studierte in der nächsten größeren Stadt Biologie und wohnte immer noch hier; noch einen Monat. Eine bekannte Naturschutzorganisation bot mir eine Fahrstunde entfernt einen Job an. Opa wollte das Haus behalten, falls ich in der Großstadt nicht zurechtkam und außerdem sagte er immer mit einem lachenden Auge, dass man als Mann unabhängig von Frauen sein müsste. Wenn ihn seine Freundin nicht mehr haben wollte, dann hätte er immer einen Rückzugsort. Also alles ganz locker. Ich machte mir keine Sorgen um ihn, er war wirklich gut aufgehoben; Hanna würde ihn am Nordpol einsammeln, wenn es notwendig wäre. Und ich? Ich mochte den Wald, ich mochte den Gletscher, ich mochte die Flüsse und ich mochte einen Holzfäller aus dem nächsten Ort, der nicht einmal wusste, dass es mich gab.

Dieses wirklich beeindruckende Exemplar von Mann fuhr jeden Morgen durch unsere Straße, entweder mit dem Fahrrad oder auch den unterschiedlichsten Nutzfahrzeugen, die gerade notwendig waren. Manchmal trug er einen Bart, manchmal keinen, manchmal rasierte er sich seine dunklen Haare ganz kurz, manchmal standen ihm seine Locken zu Berge, weil er sich gerade mit der Hand durch die Haare gefahren war und manchmal lächelte er so sehr, dass seine Augen blitzten, als gehöre ihm die Welt. Als Mädchen war er mein Adressat für meine bunt bemalten Liebesbriefe, die ich unter einen Stein legte, der auf seinem täglichen Weg in den Wald lag. Als junge Frau war er mein Männer-Ideal, worunter meine ersten Jungens-Bekanntschaften zu leiden hatten und als Erwachsene, tja, da zog ich es vor, lieber allein zu sein, bevor ich mit einem Mann zusammen wäre, der ihm nicht einmal nur annähernd das Wasser reichen könnte. Ich hätte ihn ansprechen können, ich hätte mich ihm in den Weg werfen können oder einfach immer präsent sein, doch ich glaubte nicht, dass ein Mann, der gut sechs oder acht Jahre älter war als ich, überhaupt Interesse haben könnte. Mittlerweile wusste ich, dass das Alter einer Person nichts über die Möglichkeiten aussagt, doch diese Erkenntnis war ein längerer Lernprozess und schließlich Vergangenheit; ich legte meine Schwärmerei sozusagen ad acta. Ich wollte nun Neues kennenlernen und deswegen ging ich. Naja, hier in diesem Drei-Seelen-Ort würde ich auch keine vernünftige Arbeitsstelle bekommen, das ging nur in der Stadt. Doch trotzdem ließ ich etwas zurück; hier bei einem Holzfäller, der mein Herz mit beiden Händen immer noch hielt.

Es war Juli, mein Geburtstagsmonat. Beeren konnten zu Marmelade verarbeitet werden, die Muttererde war warm, wenn man beide Hände darin versinken ließ und der Himmel schien unendlich, wenn ich mit dem Rücken auf der Wiese lag und die Bienen über mich hinweg flogen. Ich hatte noch 28 Tage und sechs Stunden, dann käme ich nur noch zum Wochenende in Opas Haus.

Luise, meine alte Grundschullehrerin betrieb in ihrem Vorgarten und ihrer urigen Küche ein kleines Café. Die Dorfbewohner nannten es „die Küchenecke“. Ich glaubte nicht, dass der Betrieb irgendwie angemeldet war, das kümmerte hier aber niemanden. Der ganze Ort freute sich, hier an der Dorfstraße einkehren zu können, den besten Butterkuchen der Welt zu genießen und natürlich einen riesigen Pott Kaffee mit frischer Kuhmilch in der Hand zu halten. Dieses Angebot nahmen auch die Holzfäller wahr; sie kamen für eine Mittagspause immer gern vorbei oder klönten kurz nach der Arbeit. Seit gefühlten hundert Jahren  half ich Luise, wann immer es mir möglich war. Sie bekam dadurch eine Hilfe und ich besaß die Möglichkeit, dem interessantesten Mann der Welt nah zu sein, auch wenn es nicht immer einfach war. Vor zwei Jahren traf er hier auch Serena, die wohl schönste junge Frau im ganzen Umkreis. Sie war die Ebenmäßigkeit in Person, besaß langes unglaublich feines Haar und wirklich tiefgründige blaue Augen. Ich glaube, mindestens die Hälfte aller Männer war ständig in sie verliebt. Ihr Äußeres schien einer Fee entliehen zu sein, doch ihr Innerstes war manchmal grausam und gemein; dies sahen merkwürdigerweise aber nur die Frauen.

Heute schien sich der ganze Ort hier treffen zu wollen. Ich tauschte Kuchenrezepte aus, hielt ein Baby mindestens eine halbe Stunde im Arm, weil die Mama schnell noch etwas zu erledigen hatte, überzeugte die Holzfäller davon, mir bitte schön nicht den abgeschnittenen Rand vom Butterkuchen ständig wegzuschnappen, wenn ich nicht hinsah (den mochte ich nämlich selbst am liebsten) und ich füllte die Geschirrspülmaschine bestimmt schon das dritte Mal. Im geschäftigen Treiben sah ich mit einem Auge, dass Serena durch die Tür kam. Sie blickte in die Runde, grüßte hier und verschenkte dort ein Lächeln und steuerte langsam, aber sicher auf mich zu.

„Na, hat die Biologin ein klein wenig freie Zeit zum Klönen?“ Sie sah mich prüfend an und zeigte mit einem missbilligenden Hochziehen ihrer Augenbrauen auf meine Bluse: „Wohl schon etwas länger hier, oder?“ Ich schaute an mir herunter. Das Baby, das nun friedlich im Kinderwagen lag, hatte sich wohl den Milchmund an meiner Schulter abgewischt. Erschrocken ging ich zum Waschbecken und säuberte die Spuren. Eigentlich mochte ich mich überhaupt nicht mit Serena unterhalten, doch jeder Gast sollte gleich behandelt werden. Sie war damals zwei Wochen lang mit „meinem“ Holzfäller Raik zusammen, eine qualvolle Zeit für mich.

„Ich traf gestern auf dem Markt Raiks Mutter…“, Serena legte eine kleine Künstlerpause ein, nur um einfach zu sehen, ob der Name Wirkung auf mich zeigte. Doch der Fleck auf meiner Schulter schien etwas hartnäckiger zu sein und ich gab ihr nicht die Gelegenheit in meine Augen zu schauen. „Ihr Sohn scheint mal wieder auf Freiersfüßen zu sein, Genaues konnte sie mir nicht sagen, aber sie ist sich fast sicher.“

„Aha, dann wird es wohl so sein. Möchtest du etwas Butterkuchen?“ Ich dachte einen kleinen Moment an das Stück, das mir runtergefallen war und noch auf der Seite zum Wegwerfen lag, aber diese kleine Gemeinheit blitzte mir nur für eine Sekunde in den Sinn. „Such Dir einen Platz, ich bring dir gleich deinen Cappuccino.“ Etwas unschlüssig blieb Serena stehen, irgendwie hätte sie sich eine andere Reaktion von mir erwünscht. Beim Aufschäumen der Milch kam Luise mit einem großen Krug herein. Ich freute mich sie zu sehen. Sie lächelte mich an, stellte ihre Last ab und nahm mir die Sachen aus der Hand.

„So, meine Liebe, du hast jetzt frei. Andere Dinge warten nun auf dich.“ Überrascht blickte ich sie an. Normalerweise wäre ich noch eine weitere Stunde hier. Geschäftig drehte sich Luise zu Serena und winkte sie heran.

„Serena, du siehst nach freier Zeit aus, komm, du übernimmst mal für einen Moment.“ Entrüstet wollte sie dankend ablehnen, doch sie wagte keine Wiederworte. Luise war auch ihre Grundschullehrerin gewesen, solch eine Autorität blieb bestehen. Innerlich grinsend verfolgte ich ihre Mimik, schaute dann aber Luise an, da ich nicht wusste, was ich jetzt eigentlich tun sollte.

Diese schnitt zwei große Stück Butterkuchen ab, packte sie in Papier und drückte sie mir in die Hand. „Ein kleines Schmankerl für dein Picknick.“

„Mein Picknick?“ Irritiert schaute ich sie an, Serena auch, doch eher aus Neugierde.

„Dein Großvater wartet auf der großen Lichtung auf dich. Da du bald in die große weite Welt gehst, wollte er mit dir jede Zeit verbringen, die er kann.“

Ich freute mich riesig. So etwas hätte ich dem alten Herrn überhaupt nicht zugetraut! Das Wetter war perfekt dafür.

„Du musst nur kurz bei Gertrud vorbei, da hat Hanna den Korb hinterlegt, damit du nicht noch vorher lange rumrennen musst.“

Meine Güte! Die Frauen konnten echt organisieren. Gertrud wohnte nur zwei Häuser weiter und war eine alte Freundin von Hanna. Ich wollte gerade mich umdrehen und durch die Türe stürmen, als mich Luise kurz festhielt und die Stirn runzelte.

„Was hast du denn für eine Bluse an? Hast du nicht noch eine andere hier?“

„Das ist nur ein kleiner Fleck. Opa kennt mich sogar über und über mit Schlamm bespritzt, ich glaube, er kommt damit um.“ Echt süß, wie sehr sich Luise um mich kümmerte. Ich drückte sie dafür besonders innig und verschwand durch die Tür.

Gertrud wartete schon im Hauseingang auf mich. Lächelnd hielt sie einen gefüllten Weidenkorb in die Höhe. „Ich hab von Kurt auch noch ein paar Jägerwürste hineingelegt!“ Ich lachte und verkniff mir die Bemerkung, dass ich doch Vegetarierin sei; ich fand es trotzdem ganz schön lieb, da Opa die Würste besonders gern mochte. Auch Gertrud drückte ich ganz doll, es fühlte sich einfach wundervoll an, von so vielen Menschen mit Aufmerksamkeit beschenkt zu werden.

Auch von ihr gab es ein paar Worte auf den Weg: „Vielleicht überlegst du dir es ja noch einmal, ob du nicht lieber hier bleibst, der Ort kann junge Leute gebrauchen!“ Ich nickte. „Das stimmt. Ich fahr doch nicht zum Mond, ich komme zum Wochenende immer nach Hause!“

„Ach ja, du sollst noch schnell bei Marina reinschauen, die hat noch eine Flasche von ihrem Hauswein da. Ich hatte ihr versprochen, dass du ganz bestimmt kommst. Bist du so lieb?“ Jetzt musste ich lachen. Wie sollte ich jemals solch eine Dorfgemeinschaft verlassen wollen? Marina wohnte gleich nebenan, es lag so oder so auf meinem Weg, also überhaupt kein Problem. Während ich die Gartenpforte vorsichtig öffnete (seit einem Jahr hingen zwei Bretter nicht mehr an ihrem Platz, aber Marina wollte sie nicht reparieren lassen, da ihr verstorbener Mann noch die Bretter aus Versehen mit dem Auto angefahren hatte), schaute auch sie schon aus dem Fenster und winkte mich herein.

„Hallo, Gertrud schickt mich…“ Marina nickte und drehte gerade zwei Gläser in ein Handtuch. Langsam war es mir ein wenig unangenehm, dass sich alle so bemühten.

„Ihr wollte mich nur davon überzeugen, dass ich nicht wegziehe! Das ist doch ein Komplott!“ Ich lachte bei meinen Worten, aber die Vermutung entstand so langsam in meinem Kopf.

„Natürlich, meine Süße! Wir versuchen alle unseren Beitrag zu leisten. Außerdem wird es Zeit, bei dir mal ein wenig einzugreifen. Irgendwie kriegst du es allein nicht hin.“ Überrascht schaute ich sie an.

„Äh, was bekomm ich nicht hin?“ Ich fand mich eigentlich gar nicht so unorganisiert. Ich besaß eine abgeschlossene Schulausbildung, einen Master in Biologie, einen neuen Job und sogar eine kleine Wohnung. Ehrlich gesagt, war ich darauf ziemlich stolz. Marina sah mein erstauntes Gesicht und streichelte mit ihrem Handrücken meine Wange. Sie durfte es, sie war eine alte Schulfreundin von Opa. Kichernd sah sie mir in die Augen und sagte nichts mehr. Ich bedankte mich, nahm sie in die Arme und verließ das Haus.

Mir werden die Menschen des Ortes fehlen, jeder Einzelne. War es wirklich eine so gute Entscheidung zu gehen? Ich hoffe es! Seufzend ging ich meinen Weg. Bisher fühlte sich mein Zukunftsplan ziemlich gut an, doch heute fiel es mir wirklich schwer, noch irgendetwas Schönes daran zu finden. Was war denn wichtig im Leben? Waren es nicht die anderen Menschen, die wir liebten? Andererseits musste ich ganz allein für mich selbst herausfinden, wo mein zukünftiger Weg lag; ich wollte nicht am Alten festhalten, weil ich mich damit sicher und gut fühlte. Ich wollte einen Weg gehen, für den ich mich entschied. Was nicht heißt, dass ich mich nicht auch für das Alte entscheiden konnte, doch dafür musste ich Neues kennenlernen, sonst wäre es keine richtige Entscheidung.

Die Lichtung lag keine fünf Minuten entfernt. Opa musste bereits da gewesen sein, denn unsere karierte Picknickdecke lag vor dem Baumstumpf und zwei Kissen luden zu einem bequemen Sitzen ein. Ich setzte meinen Korb ab und betrachtete neugierig den kleinen Papierstapel, der auf der Decke mit einem Stein beschwert lag. Ich entfaltete den obersten Zettel. Die Zeit schien sich zurück zu drehen, denn ich sah eine ordentliche Kinderhandschrift mit kleinen Zeichnungen von Bäumen und Blumen. Opa! Jetzt musste ich doch lachen. Er kannte mich immer noch am besten, deshalb wusste er auch von meiner Schwärmerei, obwohl wir niemals so richtig darüber sprachen. Das war nun wirklich schweres Geschütz, mich mit meinen Kindertagen zu konfrontieren. Er war ein Schlitzohr! Er war also derjenige, der damals meine Briefe fand (und ich dachte, es wäre Raik gewesen). Er schenkte sie mir nun zurück, eine schöne Geste. Wo blieb er eigentlich?

Erstes Knacken von Zweigen kündigte ihn schon an. Lächelnd schaute ich ihm entgegen, um schließlich etwas Unerwartetes zu sehen. Mein Herz setzte aus, meine Haut überzog sich mit einer Gänsehaut, die mich wahrscheinlich nie wieder verlassen würde und mein Gesichtsausdruck ließ sich nicht mehr kontrollieren. Da stand er in Jeans und T-Shirt und mit kleinen blauen Blumen in der Hand: Raik!

Er lächelte verlegen, setzte sich zu mir auf die Decke und überreichte mir die Blumen.

„Schöne Grüße von deinem Großvater.“, tief Luft holend wies er mit den Augen auf den Brief in meiner Hand, „letzte Woche besuchte er mich und gab mir deine Briefe von damals.“ Verschmitzt lächelte er mich an: „Ich hoffe, ich durfte sie lesen…ich las jeden Einzelnen…“.

Es grenzte an ein Wunder, dass überhaupt Worte über meine Lippen gingen: „Naja, sie waren für dich.“

„Darf ich sie behalten?“ Mit großen Augen schaute ich ihn an und schob ihm wortlos die Briefe hin.

Etwas unsicher nahm er wieder die Blumen in die Hand: „Jetzt habe ich überhaupt kein Wasser für sie dabei. Es sind Vergissmeinnicht, sie blühen bei Luise im Garten und ich fand es irgendwie passend.“

„Wir legen sie gleich an den Fluss, dann bleiben sie schön.“ Meine Gedanken wirbelten durch den Kopf, „es scheinen ja eine Menge Leute darüber Bescheid zu wissen, dass wir hier sitzen.“

Jetzt grinste Raik: „Das halbe Dorf weiß es.“ Jetzt musste ich doch lachen und Serena kam mir in Sinn. Sie gehörte wohl zur anderen Hälfte.

Was soll ich sagen? Der Rest des Tages blieb unser Geheimnis. Wir redeten, wir tranken den Wein und schauten den Glühwürmchen zu, die sich in der Abenddämmerung gegenseitig den Weg leuchteten. Es blieb nicht bei diesem Treffen und irgendwann wurde aus dem Holzfäller meiner Träume wirklich „mein Raik“.

 

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Anm. z. Überschrift:
Glühwürmchen senden in der Dunkelheit Lichtsignale aus, um sich gegenseitig anzuziehen.