Nostra musica

Wenn der Himmel Menschen mit wunderschönen Stimmen beschenkt hat, die sie erklingen lassen, um alle andere Seelen bis auf den Grund ihres Innersten zu treffen, dann gibt es ein Schweben in Raum und Zeit. Musik berührt uns. Sie fährt unter die Haut, lässt uns erschauern und trägt uns davon. Sie zeigt uns eine andere Welt mit neuen Dimensionen, die uns im Alltag so oft verwehrt bleiben.

Was uns am Rand unseres Seins erreicht, welche Tonlage unser Tor zu uns selbst öffnet, unterscheidet sich bei jedem Einzelnen. So höre ich Andrea Bocelli und schmelze. Seine Stimme scheint aus Samt gemacht mit einem dunklen Timbre, das mein romantisches Herz erreicht und nur noch der Unendlichkeit unter freiem Himmel folgen mag. Ich sehe mich jeden einzelnen Stern mit meinen Händen berühren, lasse Funken stieben, durchschreite den Vorhang der Töne, die mich umschweben und staune über die Nähe zu meiner Seele.

Ein neues Lied beginnt mit tiefen Tönen eines Basses. In meiner Vorstellung sehe ich das Vibrieren der Saiten, ich höre das Ausklingen jedes einzelnen Tones und wünsche mir ein ewiges Wiederholen nur allein dieser Abfolge, die lediglich ein Vorbereiten auf eine Stimme zu sein scheint, die mich endgültig einnimmt und mitträgt. Sie ergreift meine Hand und führt mich auf die Stufen eines Regenbogens, der mir Grün mit Goldstreifen, verwoben mit einem Blau den Himmel auf Erden schenkt. Ich tauche in die Farben meines Glückes, lasse das Weiche der Stimme über meine Wangen streichen und träume von einem warmen Sommerabend in Italien, der nie zu enden scheint und vor meinem inneren Auge zu einer Wirklichkeit wird, solange ich nur seinen Gesang hören darf.

Das Halten der unglaublichen Stimme in einer bestimmten Tonlage zeigt mir die Weite eines Horizontes, dem ich entgegenschaue und die Anwesenheit unserer Erde spüren lässt. Ich stehe und schaue, ich stehe und lasse meine Sinne dem Sonnenaufgang entgegen ziehen, bis ich die Wärme des aufgehenden Lichtes auf meiner Haut spüre und ein wohliges Gefühl mich umhüllt. Es hält mich umfangen, beschützt und trägt mich von einem Moment zum nächsten. Zeit existiert nicht mehr, denn ich durchschreite das Tor zur Welt des schwebenden Seins: Hier lassen sich Farben berühren; sie sind weich wie kleine weiße Federn und schmiegen sich in meine Hand, um mich zu umschmeicheln; hier durchziehen funkelnde Fäden den Raum um mich herum und spielen mit meinen Sinnen, die alle bereit sind, sich einfach fallen zu lassen, um den Genuss allumfassend zu erfahren.

Das Weiche der Stimme scheint den Raum in großen Kreisen zu durchziehen, bewegt die innewohnenden Energien und mich. So füge ich mich dem Runden, dem Ganzen, dem mich Davontragenden, um mir ein Nie-Enden zu wünschen. Immer und immer wieder durchtanze ich den Raum des Glücks und bin dankbar für das Leben, das uns mit solch einer Erfüllung beschenkt.

 

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Anm. z. Titel: Ital. unsere Musik
Anm. z. Bild: Ein Klavierpart von Joseph Marx, der selbst diesen folgendermaßen charakterisierte: „Eine Begleitung aus Weißrosenduft und Mondenglanz destilliert und im französichen Salon in eine exotisch bunte Skriabin-Vase getan.“ (1909)