Das wird schon!

Ich band meinen Gürtel und war nachdenklich. Manches brachte mich an meine Grenzen, die ich seit meinem ersten Shiho-nage überhaupt erst zu erkunden begann. Unbewusst musste ich lächeln, welche Verzweiflung überkam mich in meinen ersten Stunden, als ich plötzlich diesen „Wurf in alle Himmelsrichtungen“ nicht mit der rechten Seite, sondern mit der wahrlich existierenden linken durchführen sollte. Damals hätte ich schwören können, meine Synapsen müssten mit viel Überredungskunst aus ihrem Winterschlaf hervorgeholt werden. Ich spürte förmlich ihr Verweigern.

Jetzt sind seitdem zwei Jahre vergangen. Mein Shiho-nage ist wohl ganz ok, wenn ich meine eigenen Maßstäbe ansetze. Mittlerweile weiß ich auch, dass mein eigener Ehrgeiz und ein gewisser Hang zum „ich möchte das auch können“ oder „warum klappt das jetzt nicht“ oder vielleicht besser umschrieben „mein Kopf im Allgemeinen“ mir oft im Wege standen und stehen. Lernen ist einfach, wenn man sich nicht die Berge aus den Alpen holt, um erst darüber klettern zu müssen, bevor die Aha-Erkenntnis Einzug findet. Nun ja, dieser Gedanke braucht wohl seine Zeit, um Früchte zu tragen und die Umsetzung ist bestimmt auch noch eine Diskussion wert.

Mein Fokus lag an diesem Tag auf der Fähigkeit, meinem Körpergefühl zu vertrauen und Sicherheit durch Übung, Übung und nochmals Übung in meinem Inneren wachsen zu lassen, um einen eleganten High-Fall bewältigen zu können.

Ich sehe mich selbst irgendwann luftig, leicht und leise fallen, so dass mein Kopf die Matte nicht berührt, ebenso wenig meine Schultern. Nur mein herumschwingender hinterer Arm würde mich abfedern. Ich könnte Stunden den Kämpfenden zuschauen, die gekonnt wie Flummis aufeinander treffen, sich Energien gegenseitig zuspielen, gewirbelt werden, kurz mit dem Boden in Berührung kommen und sich wieder ihrem Partner zuwenden. Es ist dann ein Schwingen der Körper, ein gegenseitiges Fokussieren, als bestünde die Welt nur aus ihnen beiden und sie haben recht! Die Welt ist subjektiv; wir erschließen sie mit uns selbst und unserem Gegenüber. Es ist dann ein Vergessen von Zeit und Raum.

Meine Vision war aktiv. Heute war ich auf der Matte, um an genau dieser Zukunft zu arbeiten. Ich wusste ganz genau, dass nur ein Herantasten meinen Körper dazu überreden würde, die richtigen Bewegungen, den richtigen Schwung, die richtige Ausrichtung in den richtigen Moment zu legen. Die ersten Übungen für den High-Fall brachten eine Menge Spaß mit sich. Sie waren keine wirklichen Hürden für mich; so dachte ich als eine unbedarfte Aikidoka. Ja, ich konnte sie körperlich umsetzen, doch erst viel später wurde mir beim Üben des Endproduktes klar, dass mir am Anfang die wirkliche Erkenntnis fehlte, warum gerade diese Übungen durchgeführt wurden. Ja, es ist schon einmal gut, wenn der Körper all dieses niedrige, enge Abrollen umsetzen konnte. Doch das war nur ein Einstieg in eine Lektion, die natürlich erst nach vollständigem Erlernen der körperlichen Möglichkeiten stattfinden konnte.

Was machte ich denn wirklich, wenn ich meinen Körper um den Rücken eines Trainingspartners wand, der netterweise im Vierfüßler-Stand mein Gewicht aushielt? Die erste Hürde lag darin, nicht wie ein Fisch auf dem Trockenen hängen zu bleiben. Mein Kopf war bereit, sich über den Rücken und zurück durch das durch Arme und Beine des Partners aufgespannte Viereck zu basteln. Ein Hängenbleiben legte eindeutig den noch nicht umgesetzten richtigen Schwerpunkt offen. Mein hinterer Arm besaß die Aufgabe diesen zu verschieben, indem er als erster den Bodenkontakt suchen sollte, nicht mein Kopf, nicht meine Schultern und auch nicht mein Rücken. Das bekam ich hin. Als ich mich selbst als Bank im Vierfüßler-Stand darbot, bemerkte ich auch, dass es doch ziemlich nett ist, wenn der Übende seinen Gürtelknoten vor Beginn verschob, damit dieses Bindekunstwerk nicht durch das Gewicht des anderen zwischen die angespannten Rückenmuskeln gedrückt wurde. Das waren Kleinigkeiten im netten Umgang, die erst am eigenen Leibe erkannt wurden.

Diese Übung barg aber noch einen anderen Aspekt, der mir erst bei der späteren Durchführung etwas schmerzhaft gezeigt wurde. Das Üben des High-Falls brauchte viel Vertrauen zum Trainingspartner. Ich muss sagen, dass wirklich alle Aikidoka sehr vorsichtig und mit viel Umsicht an das Üben herangingen. Mit einem Absprechen, wo die eigenen Grenzen im Moment lagen, konnte das große Ausprobieren beginnen. Meine Vorhaben des leisen Aufkommens und des eleganten Aussehens verschob ich ziemlich schnell in eine fernere Zukunft, doch das machte nichts. Jede Übung wollte sich stückweise erlernt sehen. Das Herumwirbeln klappte, der fehlende Bodenkontakt mit dem Kopf und Schultern klappte auch, mein Arm kam als erstes auf: schon mal nicht schlecht. Doch nach meinem vierten oder fünften Fallen hatte ich das Gefühl, meine Arme nicht besonders gut zu behandeln. Ich hätte genauso gut neben einer Wand stehen und meinen Arm in einem Stück dagegen klatschen lassen können. Das konnte nicht wirklich richtig sein.

Meine Trainerin nickte lächelnd, als ich das Problem schilderte. Arme ließen sich beugen, sogar zu einem Halbrund. Oh. Sie erinnerte mich an die Übung im Vierfüßler-Stand. Genau hier bestand die Möglichkeit, ein ganz bewusstes Aufsetzen des Armes zu üben. Sie beruhigte mich, als ich mit mir selbst haderte, diesen Aspekt nicht mit bei der Übung einbezogen zu haben. Lernen ginge nur schrittweise. Wenn ein Teilstück gemeistert würde, dann könne sich der Lernende dem anderen zuwenden, es ginge jedoch nur hintereinander. Niemand würde vernünftig mit tausend Aufgaben auf einmal lernen. Das ließe sich nicht umsetzen.

Mir brannten die Arme, doch ich war glücklich. Ich hatte an dem heutigen Tag viel gelernt. Einige Aufgaben konnte ich meistern, andere nicht. Doch ich wusste, wie es weiterging. Beim nächsten Üben würde ich genau an dieser Stelle Neues lernen. Meine Vision führte mich und irgendwann würde ich dort angekommen sein.

Ich freue mich darauf.

 

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Trainingsort: Ukemi-Seminar mit Sonja Sauer in Hannover am 10. März 2018;
Anm. z. Titelbild:
Ai = anpassen, verbinden, vereinen, harmonisieren; manchmal wird es auch mit „Liebe“ übersetzt
Ki = Gefühl, Absicht, Energie, geistige Kraft
Do = „Weg“ im Sinne eines Weges, den man für eine körperlich-geistige Weiterentwicklung zurücklegen muss.