Das Gemeine in uns

Na klar, sie sah richtig klasse aus. Die lockigen Haare fielen über ihre Schultern, als hätte sie ein Star-Friseur liebevoll auf einer dieser tollen Beautysitzungen über mehrere Stunden bearbeitet. Das konnte sie doch niemals allein so hinbekommen haben! Die hatte mit Sicherheit die richtigen Beziehungen oder einfach genug Geld. Außerdem war sie bestimmt gerade mal zwanzig Jahre alt, dann ist diese rosig-zarte Gesichtshaut auch keine wirkliche Kunst… Verstohlen beobachtete ich die ungemein attraktive Frau am Buffet, die sich im Moment ganz locker mit einem der Veranstalter unterhielt.

Vielleicht nur ein klitzeklein bisschen neugierig seiend, betrachtete ich die dargebotenen Leckereien und verzichtete auf die am Rand meines Gehirns gemachte Feststellung, dass ich ja wohl eine Vegetarierin sei und eigentlich kein Interesse an Frikadellen und Gebratenem haben sollte. Ich ignorierte die trockene Bemerkung meines Unterbewusstseins. Schließlich konnte es bei wichtigen Fragen nicht gleich immer davon ausgehen, sofort Berücksichtigung zu finden. Erfreut stellte ich fest, dass auf der linken Seite des Buffets auch gestapelte Kohlenhydrate herumlagen, die ich immer gern bei solchen Gelegenheiten ohne schlechtes Gewissen auf meinen Teller lud. Herrgottnochmal, welch Zufall! Jetzt musste ich mir sogar das Gespräch der beiden anhören; das ist halt so bei einem Buffet, wenn viele zusammenstehen.

Außerdem überfiel mich die totale Unentschlossenheit bezüglich meines Speisewunsches: Möchte ich von den leckeren Kroketten, den Petersilien-Kartoffeln, dem gratiniertem Was-auch-immer oder doch ein paar Pommes? So etwas wollte wirklich überlegt sein, wer möchte schon am nächsten Morgen mit einem Kilo mehr auf der Waage dastehen, ohne vorher einen wirklichen Genuß erfahren zu haben? Ein Verzicht war natürlich trotzdem keine Option, schließlich sollte auch der Preis für das Buffet einen Gegenwert bekommen. Es war undenkbar, nur mit einem Toastbrot im Bauch den noblen Laden zu verlassen.

Mein schräger Blick erfasste die manikürte linke Hand der jungen Frau. Das gab‘s doch nicht! Auch noch meine Lieblingsfarbe auf den Nägeln in Perfektion! Ihre schlanken langen Finger umspielten das gehaltene Glas mit einer Grazie, die sie wahrscheinlich aus alten Spielfilmen mit Brigitte Bardot kannte und gnadenlos kopierte. Sinnierend hielt ich meinen Teller vor mir, um ein klein wenig höher zu schauen; es musste ja nicht jeder gleich bemerken, wie genau ich mein Studienobjekt betrachtete. Im Bio-Unterricht hatte ich mir schließlich auch das uralte Skelett eines menschlichen Körpers angeschaut, um ein Verständnis für mein eigenes Ich zu gewinnen. Genau, hier zeigte sich lediglich das wissenschaftliche Interesse, das unbedingt jeder besitzen sollte, um die Welt besser zu verstehen.

Das Designer-Kleid saß atemberaubend an ihrer Figur. Weich fallender Stoff zeichnete jede wesentliche Rundung ihres Körpers nach: Sie hätte genausogut überhaupt nichts anhaben können, doch das wäre wahrscheinlich nicht ganz so aufregend für die männlichen Betrachter um sie herum gewesen, die immer wieder einen Blick wagten. Die junge Frau ließ sich davon überhaupt nicht beeinflussen; kein verkrampftes Bewegen, kein nervöser Blick. Sie war die Gelassenheit in Person und wunderschön. Vielleicht war sie engagiert, damit anschließend alle anwesenden Frauen einen Besuch beim benachbarten Beauty-Salon als ein dringendes Bedürfnis erfuhren, um später annähernd solch ein Ergebnis im Spiegel betrachten zu dürfen. Wer wusste das schon? Marketing war alles.

Wer so gut aussah, musste doch einen anderen Mangel besitzen! Wahrscheinlich konnte sie keine drei vernünftigen Sätze von sich geben, ohne als schönes Dummerchen abgestempelt zu werden. Genau! Wollte ich jetzt eigentlich die Kartoffeln? Unentschlossen ergriff ich etwas von der Dekoration. Blaue Weintrauben passen zu allem, auch zu einer kleinen gedanklichen Pause bei einer wissenschaftlichen Betrachtung. Mein Blick blieb Buffet-fixiert, doch meine anderen Sinne scannten diese Vorzeige-Frau auf das Genaueste.

Ihre weiche weibliche Stimme beschrieb die Herstellung eines Kunstwerkes, das gerade in den Nebenräumen als eine große Überraschung der ausstellenden Künstlerin gefeiert wurde. Ich war selbst überaus begeistert, da es absolut meinem Ideal von zeitgenössischer Kunst entsprach. Unglaubliche Perfektion in der Umsetzung eines Malstils, Enthusiasmus, Fantasie und einfach viel Lebensfreude begeisterten den Betrachter, der sich kaum davon lösen konnte, wenn er einmal dem Bann der Kunst verfallen war.

Langsam beschlich mich das Gefühl, einer völligen Fehleinschätzung zu unterliegen. Zwischen den Beilagen und dem Fleisch lag ein zurückgelassener Flyer des Veranstalters. Nachdenklich ergriff ich ihn, betrachtete die Rückseite, sah ein Bild der gefeierten Künstlerin und seufzte. Ich kannte nur ihre Kunstwerke, doch ich hatte mir nie die Mühe gemacht, einmal ein Foto des neuen Shooting-Stars anzusehen. Ihre Vita erzählte von einem Wunderkind, um das sich berühmte Lehrer rissen. Außerdem gab es eine ziemlich lange Liste von internationalen Erfolgen.

Die Unterhaltung neben mir verstummte. Ich stand da mit einem Teller in der Linken und einem Prospekt in der rechten.

„Wie unhöflich von mir, ich hatte nicht bemerkt, dass Sie hier stehen und mit mir sprechen möchten.“

Ich schaute in das ebenmäßige schöne Gesicht und ließ mich bezaubern, von ihrem angenehmen Äußeren und ihrem freundlichen Wesen. Ihre Augen lächelten und warteten auf meine Reaktion. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, bis mich der Flyer in meiner Rechten rettete:

„Könnte ich ein Autogramm von Ihnen bekommen?“

Erleichtert freute ich mich über mein reaktionsschnelles Ersinnen einer rettenden Idee. Ihr älterer Gesprächspartner zauberte einen Stift aus seinem Anzug, den er ihr galant überreichte. Die Künstlerin beugte sich über den Tisch, damit sie unterschreiben konnte. Ich sah ihre weichen Haare, die während der Bewegung seitlich herabrutschten. Mit ihrer Hand nahm sie die im Moment störende Strähne und klemmte sie sich hinter das rechte Ohr. Überrascht zog ich meine Augenbrauen hoch. Anstelle einer perfekt geformten Ohrmuschel sah ich ein unförmiges, durch mehrere Ohrlöcher verschandeltes Sinnesorgan. Vermutlich hatte sie sich irgendwann mit einem Hänger das Ohrläppchen aufgerissen und nicht richtig zusammenwachsen lassen. Meine Stimmung steigerte sich schlagartig.

Wusste ich es doch! Niemand konnte perfekt sein! Beinahe hätte ich meine Contenance ob so viel Schönheit verloren. Nun war alles gut, meine Ohrläppchen waren eindeutig wohlgeformter!