Aikido-Mathematik

In der Mathematik ist das Prinzip immer eindeutig: Zwei plus zwei ist vier und niemals fünf. Wenn ich mit Variablen rechnen möchte, dann brauche ich Konstanten und eine Primzahl ist immer nur durch sich selbst und eins teilbar. Soweit, so gut. Das ist sehr logisch, einfach und im Grunde immer schon so gewesen; so manch einer behauptet, die höhere Mathematik unterliege einem Naturgesetz und wer dieses bestreite, erkenne die Strukturen nicht. Hätte Einstein seine Relativitätstheorie und somit für uns als Menschen diese bahnbrechende Überlegung ohne Mathematik herausgefunden? Wohl kaum. Mathematik ist eindeutig. Für so manche Aufgabe gibt es mehrere Lösungswege, doch eines haben sie alle gemeinsam: In ihnen wohnt eine Systematik, die klar und verständlich ist, wenn das Prinzip verstanden wurde.

Wenn wir von Naturgesetzen sprechen, dann sprechen wir auch von Energien (Ki), die langsam im Bewusstsein der Menschheit ihren Platz finden. Sie umgeben uns, durchfließen uns und haben Einfluss auf unser Tun. So ist es überhaupt nicht ungewöhnlich, wenn ich Grundsätzliches der Natur nicht nur nebeneinander stelle, sondern sogar miteinander vermenge. Dies geschieht nicht, weil es sich so schön anhört und irgendwie passend ist. Es ist eher eine zwangsläufige Schlussfolgerung, das Eine mit dem Anderen zu erklären.

Ich fühle die Matten des Dojos unter mir und höre meinem Lehrer zu, der nun all diese prinzipiellen Dinge anhand der zu erlernenden Techniken erklärt. Wir sprechen von Achsen, Radien, Winkeln, Fallrichtungen auf grader Linie und einer Menge Spaß, da eine klare Vorgabe nur ein klares Ergebnis ergeben kann. Das fühlt sich gut an. Mein Lehrer ist sehr genau und eindeutig; stimmt, zwei plus zwei ist vier…

Ein Schüler meinte, wir üben Irmi-nage ura so lange, bis er richtig, richtig Spaß macht und lächelte dabei mit viel Vergnügen. Basis-Aikido erfasst meines Erachtens das Grundsätzliche, das auch dem wirklichen Geheimnis sehr nahe kommt und hilft dem Lernenden, fast mikroskopisch genau das ansatzweise zu verstehen, was in diesem Moment überhaupt mit ihm und seinem Angreifer geschieht:

Der Angreifer (Uke) erfasst spiegelgleich das Handgelenk seines Gegenübers und gibt so seinen Impuls an den Verteidiger (Nage). Dieser hat beim Erlernen auf dreierlei zu achten: Er besitzt Arme mit Händen, er besitzt Beine mit Füßen und er besitzt einen Körper, der sein Innerstes, sein Zentrum, in alle Richtungen bewegen kann. Die Koordination stellt am Anfang eine Herausforderung dar, doch andererseits kann ein guter Lehrer diesen unterschiedlichen Erfordernissen Rechnung tragen, indem er das Eine auf das Andere aufbaut und schließlich seine Schüler mit einem Gesamtpaket in die Welt schickt. Denn erst mit den Vorgaben einer systematischen Unterweisung für eine Impulsrichtung, die sich den vorhandenen Energien beugt, kann ein ganz eigener Lösungsweg gefunden werden, der dann immer in die richtige Richtung verläuft; er hat nur dann seinen ganz individuellen Touch.

Ein Gleitschritt nach vorn (tsugi ashi), ein Herumwirbeln des hinteren Fußes um den Angreifer (tenkan), ein Drehung der Hüfte, so dass der Blickwinkel des Verteidiger sich um 180 Grad verschiebt (tai no henka), ein paralleles Zusammenführen der Füße und schließlich einen Ausfallschritt nach vorn, um den Angreifer zu Boden zu schleudern, beschäftigen die Füße des Nage. Wenn die linke Hand des Verteidigers erfasst wurde, dann streift die rechte die greifende Hand entlang des Handrückens von außen ab, erfasst mit der freigewordenen linken die Schulter seines Gegenübers, wirbelt gemeinsam durch die Veränderung der Fußstellung herum und schreitet mit erhobener linker Hand dem nun Gegenüberstehenden entgegen. Dem Angreifer fehlt das Gleichgewicht und er muss zu Boden gehen.

So sind es feste Vorgaben, die mit einer aufrechten Haltung, mit einer korrekten Fußarbeit, selbst mit einem stark entgegengebrachten Impuls und auch mit einem korrekten Setzen der Hände zu tun haben. Wenn ich bei einer Technik Konstanten vorgebe, dann werde ich meine Variable x finden, die dann im Ergebnis eine geschmeidige, runde Verteidigung zeigt, die nur so und nicht anders sein kann.

Ich führe im Aikido Naturgesetze zusammen, folge ihnen, zelebriere sie und bestaune letztendlich die Tatsache, dass irgendwann mit viel Übung und Herzblut etwas ganz Neues entsteht, das die simple Formel von „eins plus eins gleich drei“ innehat.

 

 

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Trainingsort: http://aikidozentrum.com/