Das Geschenk der Götter

Der Wein ist fast ausgetrunken, etwas Weinstein liegt noch am Grunde des Glases und sieht sich in Kirchfenstern am Rand des Kelches herunterrinnen. Der Mond scheint durch das Fenster und taucht das Flackern der halb heruntergebrannten Kerzen in ein unwirkliches Licht. Nachtluft weht leicht durch die geöffnete Tür vom Garten herein, durchzieht den Raum und tritt wieder ins Freie, um in der Ferne die dunklen Eichenbäume in ihrem Schlaf zu besuchen. Allein sitze ich draußen zu später Stunde auf dem tiefbraunen Holzsteg und betrachte die Sterne am glasklaren Himmel.

Das Würzige liegt noch auf meiner Zunge. Ich schmecke Pfeffer, schwarze Johannisbeere, Vanille und vielleicht ein wenig Schokolade. Der Wein des Abends aus den hintersten Tiefen des Weinkellers lag lange, sah einen reichhaltigen, heißen Sommer als er noch als Traube auf Kalkböden sich der Sonne entgegenstreckte. So ist sein Genuss ohne das beobachtende Auge eines Gegenübers mit Gefahren verbunden, die den Denkenden in die Gestirne des Universums trägt. Die Tiefe des Weltraums hält mich, zieht Gedanken heran, die sich der unendlichen Weite hingeben, um der Enge der Erde zu entfliehen.

Wenn dem Auge das Erkennen verwehrt wird, dann erwachen die anderen Sinne zu vollem Bewusstsein und Leben. Die Kühle der Nacht berührt mich nicht. Auf einem Kissen mit verschränkten Füßen, einer warmen weichen Jacke und mit den Händen in den Taschen spüre ich das Berühren der Nachtluft auf meinen Wangen. Ich lächle, denn mit mir sind noch die Wesen der Nacht auf leisen Sohlen hörbar. Der Marder aus der Nachbarschaft begutachtet mich, ab und zu sehe ich die leichte Reflexion der mitten im Garten stehenden Fackeln in seinen kleinen Knopfaugen. Eine Eule sitzt mir gegenüber in der Eiche und fixiert die kleinen Feldmäuse, die ganz geschäftig hin und her huschen, um ihre gerade geborene Brut füttern zu können. Solange ich hier sitze sind sie sicher, denn der fliegende Wanderer der Lüfte würde sich nicht trauen, in meiner Anwesenheit eine von ihnen als Mahl der Nacht vom Rasen zu greifen.

Das Hören entwickelt sich im Dunkeln zu einer Kunst, die den erfahrbaren Raum umfasst. Der Schall der Geräusche trifft meinen Körper, um schließlich als Gedanke in mir zu versinken. Ich habe keine Angst, nichts kann mich treffen, denn das Gute ist hier, das mich beschützt. Ich sitze auf dem Holz, ich schwebe in der Luft, ich denke mich ins Universum und meine nackten Füße berühren das Gras der Erde. Der Boden trägt noch die Wärme des Tages und duftet nach Wiese, nach kleinen blauen Blumen und nach Tanz auf dem Bunten des Frühjahrs, das sich mit all seiner Vielfalt jedem eröffnet, der gewillt ist, sich selbst den Sinnen hinzugeben und es zu genießen. Das Dunkle der Erde besitzt seinen eigenen Duft. Je dunkler sie sich zeigt, umso intensiver treten mir die Bilder der Welt in den Sinn: frisch umgepflügte Äcker, reiche Almwiesen mit einem ur-tiefen Grün der Fülle und Kraft und riesige Kornfelder, um das Brot der Welt in reichen Ähren darzubieten.

Vielleicht lag es am Wein, vielleicht lag es am Gefühl, ganz unbeobachtet zu sein, vielleicht lag es nur an den besonderen Stunden der Nacht. Die Erde verführt mich durch ihren Duft. So stehe ich auf und lege mich mit dem Rücken und ausgebreiteten Armen auf das Gras. Die Perspektive ist noch intensiver, der Himmel wirkt näher, als betrachte er mich nun von oben und ich von hier unten, ein tiefer Blick in die Augen zweier Gedanken, die damit einen unendlichen Raum eröffnen. Ich fühle mich gehalten, gehalten von der Welt, die mir die Möglichkeit schenkt, mit meinen Sinnen das Bunte zu erfahren, es in mein Innerstes aufzunehmen. Meine Hände spüren die einzelnen Grashalme, spüren das Raue des Bodens, das Ursprüngliche, das Alte, das schon unzählige Jahre vor mir da war.

So wandern meine Gedanken in das über mir liegende Universum. Betasten die Sterne, ihre Ringe, ihre unfassbare Schönheit im gleißenden Licht der lebenspendenden Sonne, die nur eine von vielen ist, denn es gibt hier keine Grenzen, kein Ende, nur ein endloses Schweben durch ein kaum zu Erfassendes; Endlosigkeit lässt sich nicht erdenken, sie lässt sich nur erfühlen. Sie berührt mich mit sanften Händen, einem Hauch der Nähe und Ferne, einem warmen Nah-sein zu etwas mir bereits Wohlbekannten. Etwas, was meine Seele bereits kennengelernt hat, als träfen sich alte Freunde im Wohlbefinden des Glücks.

Die Fackeln verloschen leise und die ersten Vogelstimmen weckten mich in den Armen des frühen Morgens. Ich sah den hellblauen Himmel, der meinen Namen schrieb und mich liebte, so wie ich war.

 

 

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Anm. z. Titelbild: ©Andree Behrens