Katharsis

Irgendwo geht immer die Sonne unter… und anderswo erwacht ein Morgen in aller Frühe, um das Neue zu begrüßen. Wandel ist das Brot des Tages. Wandel erschrickt, erfreut oder lässt hoffen; er ist immer da. An normalen Tagen glaubt der Mensch jedoch an Stunden des Verbleibens in bereits vergangenen Strukturen, denn sie versprechen eine Sicherheit, die sich auf tönernen Füßen hält.

Woran erkennen wir das Verstreichen der Zeit? Der Blick auf den Zeiger oder in den Spiegel verrät uns, dass etwas geschieht, das wir nicht in den Händen halten; allein diese Tatsache verführt uns zu einer ignoranten Sichtweise.

Wir alle wissen, wovon ich schreibe. Zeit ist unhaltbar mit dem Tod verbunden, der so leicht gänzlich unverstanden vom Leben getrennt wird, obwohl das Eine ohne das Andere überhaupt nicht existieren könnte. Wer kann schon die eine Seite einer Medaille von der anderen trennen, ohne sie zu zerstören?

Ist es deshalb nicht besonders wichtig, das Leben stündlich mit vollen Händen in jeglichem Maße auszuschöpfen? Oder wird es uns als Maßlosigkeit ausgelegt, wenn wir dies tun? Welche Grenzen sind gesetzt und vor allem von wem eigentlich? Naturgesetze scheiden aus; die Natur kommt auch gut ohne den Menschen zurecht. Sind es wirklich Gesetze eines Allmächtigen, die eine Beschränkung auferlegen? Sind wir nicht nach seinem Abbild erschaffen worden? Warum fließt unser Innerstes über das uns geschenkte Gefäß hinaus, wenn es nicht doch so gewollt wäre? Wer, außer die von uns gewählte höhere Macht, hätte an dieser Stelle das Recht zu richten? So bleibt nur noch die Maßlosigkeit im Auge des Menschen, der Gesetze erschafft, um die mühsam erstellten Normen nicht zu gefährden. Aber in welchem Lichte erscheint allein diese Tatsache, wenn sie zutrifft? Was tun wir uns an?

Ein gesteckter Rahmen gibt Halt, doch er schränkt auch ein! Wenn wir immer die geraden Wege wählen, wenn wir uns immer am Geländer festkrallen, wenn wir immer die Bestätigung anderer suchen, ob unser Handeln als richtig verstanden werden könne, dann sehen wir niemals die Freiheit des Seins innerhalb eines Regenbogens, wir berühren niemals die Unterseite einer Wolke, wenn unsere Gedanken frei wie ein Adler über einen Canyon fliegen und wir werden niemals unserem eigenen Wesen gerecht werden, das uns immer wieder an seine Existenz erinnern möchte. Es obliegt uns selbst, nach den Sternen zu greifen, die für jedes einzelne Wesen ihre Energien versenden und gern bereit sind, das Ziel unserer Träume zu sein.

Ignoranz beruhigt so schön. Ignoranz lässt gut schlafen und doch ist sie das allerletzte Mittel, um mit aller Macht zu vergessen, dass wir nur für eine gewisse Zeit auf diesem Erdenball wandeln. Wer weiß schon, was der nächste Tag bringt? Endlichkeit ist nichts, wovor wir Angst haben sollten. Sie ist nichts, was uns in Depressionen stürzen sollte, es ist wie es ist und es ist gut. Würden wir ohne ein absehbares Ende das Fantastische, das Wunderbare, das Unglaubliche überhaupt wahrnehmen? Würden wir mit einem ewigen Leben beschenkt nicht gleichgültig werden, da sich ja kaum etwas ändern würde, egal wofür wir uns entschieden haben?

Wir machen Fehler – kleine und große. Wir verletzten andere Seelen – manchmal schlimm, manchmal sehr schlimm. Wir glauben an Irrtümer, Verwirrungen und daran, dass unser Handeln keine Auswirkungen hat. Wir glauben an Macht, Reichtum und Schönheit, die eigentlich keine ist. Und was ist daran falsch? Was ist, wenn ich jetzt sage: Für uns selbst ist daran überhaupt nichts falsch? Es ist immer ein Irrweg, den wir beschreiten müssen, um überhaupt irgendwann eine Erkenntnis erhalten zu können, die uns einen nächsten Schritt in unserer Entwicklung schenkt. Es ist kein Freibrief für das Übel dieser Welt, es ist ein Gedanke, der das Verzweifeln über unsere erkannten Fehler begleiten sollte, mehr nicht.

Wer darauf verzichtet, Träume zu erfüllen, Gewünschtes umzusetzen oder das innere Streben auf jegliche erdenkliche Weise und mit aller Macht ignoriert, der verschenkt sein Leben, denn er verwirft den göttlichen Funken, der uns für einige Tage überlassen wurde.

Und, was machst du heute?

 

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Anm. z. Titel:
  1. Läuterung der Seele als Wirkung des (antiken) Trauerspiels. (Literatur)
  2. Befreiung von seelischen Konflikten durch emotionale Durcharbeitung. (Psychologie)
Anm. z. Titelbild: ©Silke Schupp