Kaleidoskop

Mit heißem Kaffee aus der Thermoskanne und einem Sitzkissen bewaffnet, saß ich auf den Stufen des Hauseinganges und genoß bestimmt schon seit zwanzig Minuten das Schauspiel eines gewaltigen Frühjahrsgewitters. Natürlich sollte sich der Mensch bei großen Energieentladungen nicht gerade als Ziel anbieten, doch welche Verschwendung wäre solch ein Spektakel, das keinen Betrachter fände? Also genieße ich das Knistrige in der Luft, das sogar etwas metallen auf der Zunge schmecken konnte, wenn der Blitz in der Nähe auf die Erde traf. Das Grollen entfernte sich immer mehr. Seufzend betrachtete ich den tiefdunklen Himmel mit den unterschiedlichen Grautönen, den aufgetürmten Wolken, die immens wirkten, und das Vorhandensein eines Götterclubs gar nicht so unwahrscheinlich machten. Mein Blick löste sich von der dunklen Wand und wanderte in die entgegengesetzte Richtung, aus der leichter Wind aufkam. Wie abgeschnitten schob sich eine Linie zwischen tiefstem Unwetter und strahlendem Sonnenschein immer näher. Oh wie schön! Ich konnte draußen bleiben! Begeistert klemmte ich meine Utensilien unter den Arm und ging in den Garten, um sie dort auf einem großen Stein abzustellen. Hier saß ich gern. Der Findling stand inmitten der Fläche, klein genug, um auf geübte Weise darüber zu springen und groß genug, um lesend und in der Sonne sitzend die Zeit genießerisch endlos werden zu lassen. An manchen Tagen träumte ich hier und fühlte mit meinen Handinnenflächen seine Struktur. Ich wusste, dass er einer der Gletschersteine aus Skandinavien sein musste. Irgendwann beschloss ich, dass er aus Småland käme, einfach, weil es sich so schön anhörte.

Mir war es egal, dass der Stein noch klitschnass glänzte; schließlich hatte ich ein Kissen, das würde wieder trocknen. Ich schaute zum Himmel; in wenigen Augenblicken würde ich die Sonne sehen können. Erwartungsfroh schob ich die Ärmel meines Pullovers hoch. Vereinzeltes Grummeln auf der Seite der dunklen Front erinnerte noch an das Gewitter von eben. Ich schloss meine Augen und wartete auf die Wärme. Lächelnd spürte ich das Hervorbrechen der Sonne. Genuss konnte so einfach sein! Blinzelnd versuchte ich in die hellen Strahlen zu schauen und blickte dadurch nach oben. Ich konnte nicht klar sehen. Vor meinen Augen wimmelte es, als hätte ich wahrhaftig zu lange in die Sonne geschaut; Farbsprenkel zogen sich durch mein Gesichtsfeld. Etwas ungeduldig mit meiner Sicht, kniff ich weiter meine Augen auf und zu, um den unklaren Blick zu verändern. Doch mit einem erneuten Öffnen musste ich feststellen, dass es immer noch nicht besser geworden war. Ich rutschte vom Stein, um im Stehen ausgiebig in den Augen rubbeln zu können. Gedankenverloren wanderte ich auf dem Rasen hin und her,  ging zu den Beeten und schaute auf meine gerade aufgeblühten rosa Tulpen. Klasse, klarer Blick! 1A-Rosa! Erleichtert drehte ich mich wieder zum Stein, um verblüfft stehen zu bleiben.

Um den Stein herum schimmerte die Luft in allen erdenklichen Farben! Flirrendes zog Bahnen, als käme es direkt aus dem Boden vor dem Findling. Bunte kurze Spiralen drehten sich aufsteigend wie farbenfrohe Luftballons und verloren sich im Himmel. Sie berührten sich gegenseitig, umspielten sich eine Weile, zogen sich gegenseitig in die Höhe, lösten sich voneinander, um wieder mit Anderen eine Verbindung einzugehen. Bei jeder neuen Verknüpfung veränderte sich die bisherige Farbnuance, einmal wurde sie etwas heller, ein anderes Mal ein klein Wenig dunkler. So entstand durch die Bewegung der Eindruck des Pulsierens, eines energievollen Pulsierens. Ich verfolgte ihren Weg mit meinem Blick. Es war kein gerades Entweichen aus dem Boden, es war ein Entweichen mit Ziel in eine Richtung. Völlig irritiert schaute ich in den Himmel, um schließlich zu erkennen, wovor ich stand: Ein Regenbogen! Na klar, ich hatte die Sonne im Rücken und den Regen vor mir! Doch warum konnte ich ihn dann sehen? Bisher brauchte es immer einen bestimmten Winkel für den Betrachter. Diese Tatsache frustrierte mich schon als Kind: Ich konnte so schnell ich wollte mit dem Fahrrad bis zum Ende des Dorfes fahren; wenn ich an den vorher eingeschätzten Fuß des Bogens kam, war nichts mehr zu sehen.

Ohne eine Sekunde nachzudenken, ging ich mit wenigen Schritten zum Stein, da ich um die Flüchtigkeit der Farbenpracht wusste. Als ich nur eine Handbreit vor dem flirrenden Strahl stand, senkte sich Stille in mein Bewusstsein. Gebannt hob ich meine Hand, zögerte einen winzigen Moment, um schließlich mit einem tiefen Atemzug langsam meine Finger in das genau an dieser Stelle gänzlich rote Farbenspiel zu senken. Meine Hand spürte nur ein leichtes Streichen über meine Haut, als berühre ein besonders zärtlicher Mensch meine Finger. Erschrocken zog ich sofort die Hand zurück und konnte nur gedämpft japsen. Es war nicht die Berührung, die mich erschrecken ließ. Mein Körper reagierte für mich ungewöhnlich und absolut nicht vorhersehbar. Konzentrierte Neugier ließ schon immer meinen Puls etwas schneller werden, doch plötzlich überschlug sich mein Herz mit einer Alarmbereitschaft und dem Drang zu fliehen. Wenn besondere Dinge geschehen, dann neigen wir Erwachsenen dazu, dies mit Fakten erklären zu wollen; nur damit wir nicht unvorstellbarer Weise zugeben müssen, wir verstünden nicht, was gerade geschieht. Meine Empfindungen konnte ich mit meiner Aufregung erklären, doch die Veränderung meines Sichtfeldes überraschte mich: Plötzlich tauchte sich die Welt für mich in knallrote Farben. Alles erschien rot, selbst das Gras unter meinen Füßen. Ich mochte Rot. Ich mochte es, rote Rosen zu betrachten, ich mochte es, das rote Holz der Mammutbäume zu berühren und ich mochte roten Nagellack an meinen Fußnägeln. Völlig überrascht hielt ich nun meine Hände zu Fäusten geballt an meine Brust und starrte auf den roten Schein, trat einen Schritt zurück, um doch mit einer schnellen Bewegung und abgewandtem Gesicht wieder meine linke Hand ins Rot zu halten. Menschen liefen über glühende Kohlen, dann hielt ich auch dies aus. Die Zeit spielte gegen mich. Wenn ich irgendetwas über dieses Phänomen erfahren wollte, musste ich schnell sein. In zwanzig Minuten würde die Sonne wieder anders stehen und der Regen hätte sich dann verzogen. Nun entfuhr mir doch ein Schrei der Überraschung, obwohl im Grunde nichts Anderes geschah. Allein die Bestätigung, dass die erste Erfahrung eine reale war, ließ mich erschrecken. Trotzdem konnte ich nicht wirklich meinen Blick abwenden und musste fast zwingend in die Spiralbewegungen schauen. Wieder entzog ich meine Hände dem Rot, umrundete schließlich den Stein und betrachtete das Flirren von einer anderen Seite.

Hier zeigte sich alles in Blau. Ich mochte Blau. Ich mochte das blaue Meer, den klaren Himmel und ich mochte Lapislazuli. Ich schaute auf das Pulsieren der unterschiedlichen Blautöne. Ohne einen Gedanken zu verschwenden, streckte ich vorsichtig meine linke Hand in diese energievolle Luft. Meine Atmung beruhigte sich, sank in einen fast entspannten Bereich, als nähme mich jemand in den Arm und striche mir beruhigend über das Haar. Mein Körper beruhigte sich, von gerade eben auf jetzt. Ich hätte verharren können bis zum letzten Tag; mein Innerstes fühlte sich geborgen und aufgehoben. Doch mein nächster Atemzug erinnerte mich an das Flüchtige, an das Gleich-nicht-mehr-sein. Erneut zog ich meine Hand aus dem Flimmern heraus, um schnell wieder einige Schritte weiter, Neues zu erkunden.

Bitte, bitte lass es noch einen Moment bleiben! Fast hastig sprang ich zur nächsten Farbe: Gelb! Ein tiefer, warmer Goldton. Das Licht der Sonne schien die kleinen Teilchen noch mehr in Schwingungen zu bringen. Sie hüpften herum, als tanzten sie vor Freude, begrüßten den immer neuen Partner aufgeregt und mit Spannung. Ich musste lächeln. Allein das Zusehen erfreute mich, ließ mich an riesige Blumenfelder unter blauem Himmel denken, holte den Geruch von Blumen in mein Bewusstsein und ließ mich unsagbar lebendig fühlen. So musste es den Bienen und Hummeln gehen. Meine Hand tauchte in dieses wundervolle Leben. Angenehme Wärme umschloss meine Haut, als hielte ich sie an einem weiten weißen Strand mit ganz viel heißem Sand der Sonne entgegen. Mein Herz füllte sich. Es füllte sich mit Sehnsucht nach Leben. Meine Atmung wurde tief und umfangend, bis ich dem Sog des Unvorstellbaren nicht mehr standhalten konnte: Ich schritt gänzlich ins Gelbe. Ich stand im Schein der Sonne. Bilder schoben sich in mein Gesichtsfeld: Ich stand am Grand Canyon und sah in die tiefe Schlucht, ich stand auf der chinesischen Mauer und blickte auf eine satte grüne Hügellandschaft, ich stand am Geländer des kleinen Leuchtturms am Kap der Guten Hoffnung und blickte über die Weiten des Meeres. Ich hob meine Arme, um die goldenen Spiralen zu berühren. Neugierig wie ich selbst kamen sie heran, legten sich auf meine Haut, auf mein Gesicht, liebkosten mein Innerstes und schließlich begriff ich: Die Welt war überall. Sie war nicht nur an den fernen Orten, sie war ebenso in mir, denn ich selbst war ein Teil dieser Welt. Ich selbst konnte golden sein, ich selbst konnte fliegen, ich selbst konnte mit allem eins sein.

Wolken schoben sich vor die Sonne und ich sank bewusstlos ins nasse Gras.

Als ich wieder zu mir kam, fror ich. Meine Kleidung war vom Gras völlig durchnässt. Etwas erschöpft richtete ich mich auf, sah einen typischen tief-grauen Schleswig-Holstein-Himmel, doch das machte nichts. Ich war glücklich. Gedankenverloren ging ich ins Haus und duschte heiß. Tiefe Ruhe lag in jeder Faser meines Körpers. Mit einem Handtuch rieb ich meine Haare trocken und wischte anschließend den beschlagenen Spiegel frei, um mich kämmen zu können. Ich sah mich. Ich wusste, etwas war anders. Mein Blick fiel auf meinen linken Oberarm. Ich starrte auf mein Spiegelbild. Langsam löste ich mich vom Anblick und schaute auf meine linke Seite. Miteinander verschlungene Farben durchzogen meine Haut. Vorsichtig berührte ich das Bunte. Wärme pulsierte und zeigte mir das Bild eines Schmetterlings, der gerade aus seinem Kokon schlüpfte.

 

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Anm. z. Titelbild: ©H. Joachim https://www.archenatur.de/