Spielerisches Lernen mit Jorma

Mitten im ungemütlichen November besuchte Jorma Lyly (6. Dan) aus Stockholm, Schweden, die Kaltenkirchener Turnerschaft für ein Wochenend-Seminar. Eine wunderbare Mischung aus Bokken-Arbeit und einem weichen Aikido füllte die gemeinsame Zeit auf der 260 m² großen Mattenfläche.

Jeder Lehrer besitzt seine eigene Art, seinen eigenen Stil, der bei Jorma gleich zu Beginn deutlich wurde. Wir bewegten uns mit viel Energie, mit Schwung und Elan, doch es gab kein krampfhaftes Ausprobieren, kein unbedingtes Bemühen-Müssen oder Verzweifeln über das eigene Nicht-Gelingen. Jorma strahlte eine innere Ruhe und Gelassenheit aus, die sich unweigerlich auf jeden Mittrainierenden übertrug. Sein stilles Vergnügen an neuen Herausforderungen, die ihm auch durch Anfänger immer wieder gestellt wurden, quittierte er mit einem Lächeln oder einer trockenen Bemerkung, die er in seinem unvergleichlichen Englisch-Deutsch-Mix begleitete. Seine Übungen besaßen nicht immer einen offiziellen Namen, den der Trainierende in einem Verzeichnis wiederfinden könnte. Oftmals stand die Vermittlung eines Gefühls, eines sich in eine Bewegung Hineinfühlen-Könnens, die einem Betrachter das Formschöne in der Kampfkunst augenscheinlich werden ließen, im Vordergrund: Hände, die mit ihren Fingerspitzen das Ende des Zentrums markierten, Drehungen mit der Hüfte, die dem Nachdruck verliehen oder auch das Fortführen und Aufzeigen des zwingenden Charakters einer Bewegung.

Am Ende jeder Übung stand das intuitive Erfassen und Verinnerlichen mit dem Körper. Obwohl der große Raum seinen Turnhallen-Charakter nicht verstecken konnte, entstanden immer wieder fast familiäre Momente des Aufnehmens. Jorma kniete oder stand in der Mitte und die über 50 Mittrainierenden saßen beobachtend um ihn herum. Es gab kein vorn und hinten, es gab nur ein gemeinsames Sich-um-den-Mittelpunkt-scharen. Er nahm sich die Zeit alle mit in diesen Moment einzubinden! Mit einem belustigten Gesichtsausdruck und einem Fingerzeig holte er selbst die hinter anderen Versteckten hervor, um ihnen das Gefühl der Übung vermitteln zu können – aus tiefster Überzeugung, dass das Fühlen vor dem Lernen erfolgen müsse. Mit einer fast unermüdlichen Energie wiederholte er bei jedem Einzelnen die Abfolgen. Es ist ein Unterschied, ob ich als sein Nage die Weichheit der Ausführung und das Fallenlassen in das eigene Zentrum kennen gelernt habe oder nicht. Es ist zudem ein Unterschied, ob meine angespannt hochgezogenen Schultern etwas ausführen wollen oder ob die Bewegung ohne Anstrengung aus dem Zentrum erfolgt! Genau diese Unterschiede ermöglichten das wirkliche Erfassen und das Erinnern.

Jorma erklärte, dass die Hände die natürliche Bewegung begleiten und im Grunde überhaupt nicht selbst agieren würden. Im ersten Moment ist dies für den rational Denkenden ein schwer zu verstehender Hinweis. Um etwas zu begleiten, benötige ich das „Sehen“ eines Weges, der mir die Richtung weist. Wohin soll mich also Jormas Hinweis führen? Im übertragenden Sinne nimmt mich dann das Erfühlen an die Hand und lässt überhaupt keine Zweifel zu. Deshalb ging Jorma mit seiner ihm eigenen Ruhe durch die Probierenden, um ihnen diesen Weg zu zeigen, den sie eigentlich schon von ganz allein kannten.

Dies waren zwei wunderbare Tage voller Trainieren, Rollen, Lachen und einem immer wieder In-sich-horchen, um den eigentlich schon hell erleuchteten Weg im Inneren einer Bewegung zu sehen.

Es war ein Vergnügen, diese Tage mit Jorma verbringen zu dürfen! Wir freuen uns jetzt schon auf ein erneutes Zusammentreffen hier in Kaltenkirchen! Wir sehen uns auf der Matte!

 

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Anm. z. Text: Veröffentlicht auf https://aikido-sh.de