Bijou

Strahlen der Zufriedenheit durchströmen meine Haut, erfassen meine Muskeln und Sehnen, sie lassen sich mit Wohlgefühl strecken gleich einer Katze, deren Krallen einmal ausgefahren über den Stein kratzen; mein Ich empfindet das befriedigende Gefühl ihres Vorhandenseins bis ins Rückgrat und lässt meine Hände mit Vergnügen vibrieren; der Druck erhöht sich bis schließlich mit einem Entspannen wieder Ruhe einkehrt. Ohne ein Wissen um mein Tun dehnten sich meine Finger – um dem inneren Bild folgen zu können. Die Nähe eines anderen Lebewesens zu spüren, zeigte mir meine eigenen Möglichkeiten auf. Einer Eingebung folgend, lege ich meine nun brennenden Handinnenflächen aneinander.

Gespannt betrachte ich meine geschlossenen Hände. Ich sehe sie, spüre ein Wachsen der Wärme und nach einem Augenblick realisiere ich pulsierende Bewegung. Was wird mein Auge sehen, wenn ich den Mut besitze, meine Muskeln davon zu überzeugen, langsam und ohne Hast die Finger meiner Hände zu entspannen und das Innere sichtbar werden zu lassen?

Wird mein Gespür für die Bewegung eine Verbindung zu meinem gedachten Bild bestätigen? Wird der Blick, der bereits mit Spannung hinter meinen Erwartungen steht, etwas sehen, das irgendwo zwischen meiner schlimmsten Erwartung und meiner größten Sehnsucht liegen könnte?

Behutsam öffnet sich ein kleiner Spalt zwischen den beiden aneinander gelegten Zeigefingern, die von oben betrachtet direkt unter den beiden Daumen den größten Teil meines Blickfeldes verdecken.

Noch beschützen sie etwas mir Fremdes, etwas, das ich immer schon in den Händen hielt, dem ich jedoch niemals zu entweichen erlaubte, etwas Wertvolles, etwas, das Jedem innewohnt, doch oftmals spät entdeckt wird. Es existiert und wird doch nicht gesehen, da es mit seinem Vorhandensein niemals geprahlt hat, auf das niemals direkt verwiesen wurde – weder von meinen Eltern noch von mir selbst.

Ich trage es schon seit Ewigkeiten bei mir und versuche es bereits über die Jahrhunderte hinweg sicher zu verschließen, damit es nicht verloren geht. Erst heute ergibt sich eine andere Sichtweise, erst nach unzähligen Jahrhunderten der Erfahrung, der Geschichte, der Zeitreisen über die Generationen meiner Ahnen hinweg, scheint sich die Erkenntnis zu manifestieren. Zuerst ist es nur ein Betrachten, da ein hellerer Schein in meinen Handinnenflächen innezuwohnen scheint, als beschiene die Sonne die Mitte meines Seins mit einem außergewöhnlich hellen Strahl, als verwiese sie auf etwas Augenfälliges, dass doch schon längst aller Welt hätte offenbart sein müssen.

Noch immer verharre ich und betrachte mit gebeugtem Haupt still und leise die winzige Öffnung zwischen meinen Händen. Niemand scheint mich zu beobachten, niemand erkennt den besonderen Moment. Kein krampfhaftes Anstarren öffnet meine Hände, sondern nur ein vertrauensvolles Fallenlassen. Ein Leuchten bricht durch, ein winziger Strahl traut sich in die helle und so oft gnadenlos betrachtende Realität, die diesen kleinen Gehversuch mit Fakten und einem Nichtglauben vernichten könnte, als ginge der Westwind über ein verlöschendes Feuer und verhinderte ein erneutes Erglimmen.

Es schmerzt nicht, es bereitet keinen Kummer, es lockt. Mit etwas Mut schreitet das Öffnen meiner Hände voran. Bunte Strahlen ergießen sich vorsichtig tastend über meine Haut, überrascht weitet sich das über Jahrhunderte Verschlossene. Heute ist der Tag. Alles besitzt seine eigene Geschwindigkeit. Heute bricht die Schale. So klaffen meine Hände auseinander und ich sitze mit Staunen vor dem Universum des Seins gleich einem Feuerball am Firmament.

Was halte ich?

 

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Anm. z. Überschrift: franz. für Kostbarkeit, Kleinod, Schatz