De Krüden Dood

Eine super Idee! Das hätte er in den letzten Jahren schon viel öfter machen sollen. Zufrieden schaute Lasse über das Lenkrad hinweg auf die Straße. Hinter ihm fuhr Sören mit Maja. Susanne wollte direkt an den Strand kommen und Tamme und Svea schrieben vorhin, dass sie seit heute Morgen bereits Sandburgen für eine gemütliche Lage bauen würden. Klasse! Eine Lagerfeuernacht mit Schlafsäcken, Stockbrot, Würstchen und hoffentlich einer Menge Bier standen ihnen bevor. Wenn das Wetter hielt, konnte er so in seinen 33. Geburtstag hineinfeiern. Hoffentlich, dachte Lasse, denn im letzten Jahr hatte es aus allen Eimern geregnet; naja, im Juli an der Ostsee gab es alles, außer Schnee. Wir werden sehen.

Bepackt mit Rucksack, Lebensmittelkiste, Feuerholz und Matten stakste Lasse durch den tiefen Sand. Sie haben tatsächlich einen Wall gebaut! Überrascht schaute der Ankommende auf die riesige Sandrundung: Sogar ein paar Muscheln zierten die Außenseite für den Betrachter. Die Öffnung lag mit dem Blick zum Meer. Perfekt! Die Sonne stand schon tief und nur noch vereinzelte Sonnenanbeter genossen den lauen Wind. Bald würden sie diesen Strandabschnitt ganz für sich allein in Anspruch nehmen können. Die Aufregung und Vorfreude schlich sich immer näher heran.

„Hey, ihr Zwei! Das sieht nach Party aus!“, Lasse freute sich besonders, dass Tamme und Svea dabei waren. Sie kannten sich bereits seit der fünften Klasse. Damals erlitten sie gemeinsam ein Wiederholungsjahr in der Neunten und feierten bis zur Bewusstlosigkeit auf der Abifeier. Während des Studiums lernten sie Sören und Maja kennen, die gerade mit viel Geächze tausend Dinge über die Dünen schleppten. Maja neigte oft zur Übertreibung: Dank der mitgebrachten Salaten könnten sie wahrscheinlich die nächste ganze Woche hier verbringen oder ein ganzes Regiment versorgen. Die einzige Unbekannte war Susanne.

„Hat sich Susanne noch nicht gemeldet?“, fragte Lasse mit gerunzelten Augenbrauen Maja, die gerade hinter ihm aufschloss. Maja schaute auf und zeigte nickend zum Meer.

„Die ist auch schon länger da.“

Gerade eben stellte sich eine Schwimmerin im flachen Ufer auf, verdrehte die mittellangen Haare und band sich diese mit einem vorher am Handgelenk mitgebrachten Haarband zusammen. Sprachlos starrte Lasse auf seine neue Bekanntschaft. Vor zwei Monaten zog sie in der Nebenwohnung ein und hinterließ ständig einen Duft nach Frühlingsblumen im Treppenhaus. Mittlerweile wusste er, dass sie Medizin studierte, noch solo durch die Welt ging und ihn manchmal merkwürdig anschaute. Aus einer Laune heraus, sprach er sie eines Morgens an und fragte, ob sie Lust hätte mit Freunden ans Meer zu fahren. Sie betrachtete für einige Sekunden sein Gesicht, lächelte und nickte nur. „Gern. Ich leg Dir nachher meine Handynummer in den Briefkasten, dann kannst du mir ja alles Genauere schreiben“, sagte Susanne und verschwand aus der Haustür, die ihren Duft mit dem Schließen zu ihm hinüberwehte. Jetzt stieg dieses kurz angebundene Wesen in einem blauen Bikini aus dem Wasser. Sportlich mit einer unglaublich schmalen Taille und langen Beinen kam sie selbstbewusst winkend zur Sandburg.

„Wenn Du dich wieder im Griff hast, dann kannst Du mir mal die Kiste abnehmen, Lasse!“ Maja stieß ihn mit ihrem Gepäck von hinten in den Rücken. Erschrocken ließ Lasse seine Mitbringsel in den Sand fallen und griff sofort zu. Maja grinste ihn an: „Männer!“

Lasses Herz klopfte. Susanne kam freudestrahlend auf ihn zu. Er konnte sie doch nicht so halbnackt in den Arm nehmen, oder? Die Nässe war ihm egal. Mit Majas schwerer Kiste in der Hand nickte er Susanne nur zu, „Schön, Dich schon so sportlich aktiv zu sehen. Ich bring mal die Sachen in unsere Burg…“ Sah er eine leichte Enttäuschung in ihrem Gesicht? Vorsichtig stellte er alles ab und bemerkte erschrocken, dass sein Hemd völlig durchgeschwitzt war. Oh Mann, wie peinlich… Hoffentlich wird es schnell dunkel…

Die Stunden flogen nur so dahin. Das Feuer brannte lichterloh und sprühte leichte Funken in den nachtschwarzen Himmel. Der hochgeschaufelte Sand schützte vor dem Wind und ließ den Schein des Feuers Schatten zaubern. Tamme und Svea prosteten sich gerade zu und erfanden ständig neue Trinksprüche; Sören und Maja hielten sich in den Armen und summten leise die im Hintergrund spielende Musik mit; und Susanne saß mit einer zusätzlichen Decke um die Schultern fast einen Meter von Lasse entfernt und starrte mit ernstem Gesicht in die Flammen.

„Ich glaube, ich muss Euch etwas erzählen.“

Überrascht schaute Lasse zu Susanne.

„Es ist eine gute Zeit, für eine Geschichte…“

Maja nickte begeistert und drückte auf die Stopp-Taste für die Musik: „Eine super Idee! Leg los! Ich möchte etwas Spannendes hören, bitte nur nicht zu gruselig!“ Lachend stimmten die anderen zu, öffneten sich noch ein Bier und legten sich in eine bequeme Zuhörerposition. Lasse freute sich, seine neue Bekanntschaft war eine kreative Frau! Erwartungsvoll schauten sie alle zu Susanne. Stille legte sich über den Strand:

„Vor vielen Jahrhunderten lebte eine junge Frau mit ihrer Familie in einem Fischerdorf in dieser Gegend. Sie war dem Sohn des Nachbarn versprochen. Doch Freya besaß ihren eigenen Willen und wollte nur jemanden heiraten, den sie wirklich liebte. Frauen bewunderten sie, Männer hassten sie, da eine gewisse Ordnung im Dorf völlig in Frage gestellt wurde. So blieb Freya allein und wurde Heilerin für die Menschen in Not.“

Nur noch das Knistern des Feuers durchbrach die Stille. Lasse wollte gerade eine dumme Bemerkung machen, ob dies nun alles sei, als Susanne weiter erzählte:

„Alle glaubten, sie würde keinen Mann suchen, doch es gab Jemanden, den sie aus der Ferne begehrte und über alle Maße liebte. Er war noch unverheiratet, doch bereits mit einer Anderen verlobt. Ungeachtet dieser Tatsache offenbarte Freya in einer Sommernacht ihre Gefühle, wurde aber schroff zurückgewiesen. Zwei Tage später lag dieser Mann vergiftet und sich in Krämpfen windend auf seinem Holzboden in der Diele und Flammen verzehrten sein Haus. Niemand konnte es sich erklären; Freya schon.“

Alter Schwede, das wird bestimmt eine spannende Gruselgeschichte, freute sich Lasse. Erwartungsvoll betrachtete er die Erzählerin. Sie konnte auch gut vortragen, ihre Ernsthaftigkeit ließ das Ganze fast ins Spukhafte rutschen. Interessante Frau…

„Es gibt Sünden, die das Leben verzeiht, andere nicht. In der Nacht des Brandes befand sich die junge Verlobte des Mannes ohne Wissen der Eltern im Nebenraum und schlief. Sie zahlte für die Liebe einer Anderen. Freya bedauerte es, doch empfand keine Reue. Ihr Dorf schien die Dunkelheit geradezu anzuziehen, denn in den folgenden Jahren kamen immer wieder Männer auf mysteriöse Weise um. Der Landstrich heißt seitdem „De Krüden Dood“.“

Maja richtete sich noch im letzten Satz auf: „Hey, so heißt doch der Dünenabschnitt hier!“ Lasse war begeistert. Susanne erzählte eine Geschichte von hier! Wie passend und gleichzeitig gruselig. Seine Sitznachbarin begeisterte ihn immer mehr. Sie war interessant, klug, schön und ein klein wenig geheimnisvoll… Die Nacht könnte spannend werden. Da Susanne neben den Bierkasten saß, öffnete sie nebenbei die Flaschen und reichte sie weiter. Mittlerweile fühlte sich Lasse doch etwas angetrunken und duselig. Sterne wanderten über ihre Köpfe hinweg und fingen die Funken des Feuers auf, das heute wärmte und zu anderen Zeiten zerstören konnte.

„Doch Freya bezahlte auch. Sie fand keine Ruhe mit den Jahren, denn diese trugen sie über die Jahrhunderte hinweg. Immer wenn sie einen interessanten Mann traf, verwandelte sie sich in eine junge Frau mit ernstem Blick in den dunkelgrünen Augen. Immer wieder durchlitt sie Hoffnung, Liebe und Leid. Nur ein Verstehen würde ihr den Frieden schenken. Das Verstehen, dass Liebe nicht erzwungen werden kann; das Verstehen, das Liebe ein Geschenk ist und das Verstehen, dass Liebe keine Gegenliebe braucht, um sie im Herzen tragen zu dürfen.“

Svea beugte sich zu Maja und flüsterte ihr etwas zu. Lasse betrachtete mit etwas Schräglage die Erzählerin, die sich zu ihm wandte und immer noch ernst in seine Augen schaute. Herrgott, die Frau war wirklich schön! Lasse rückte unbeholfen etwas näher und prostete ihr begeistert zu. Im Licht des Lagerfeuers glitzerten ihre grünen Augen wirklich aufregend. Einen kleinen Moment hielt er stutzend inne und lächelte sie dann aber doch an.

„Oh Mann, ich glaub, ich hab zu viel getrunken.“ Maja rieb sich ihren Bauch und stellte das Bier zur Seite. Tamme nickte: „Das Zeug hat wahrscheinlich mehr Umdrehungen als sonst. Ich merks auch.“ Prüfend blickte Lasse auf seine Bierflasche und hielt sie gegen den Schein des Feuers. „Ja… hey, da schwimmt auch Zeug am Boden rum…, nicht dass das gute Gebräu schlecht ist.“ Er wandte sich Susanne zu. „Du bist doch angehende Ärztin. Was gibt’s da zu tun?“

Susanne lächelte: „Man kann nur noch abwarten. Entweder stirbt man oder kotzt sich die Seele aus dem Leib oder beides – je nach Konstitution.“

Entsetzt starrte Lasse zu Susanne: „Jetzt keine Geschichten…“ Verkrampft dachte Lasse darüber nach, wie viele Bierflaschen er schon geleert hatte. Wurde ihm schlecht? Das Zwerchfell zuckte nervös. Das konnte aber auch an der Geschichte liegen. Er schaute wieder zu Susanne, die sich überhaupt nicht um ihn sorgte und einfach ins Feuer schaute; als wartete sie auf etwas.

Tamme stöhnte, stand auf und zeigte mit den Fingern zu den Dünen; wahrscheinlich war ihm auch schlecht. Die ganze Gruppe schien unruhig, nur Susanne nicht. Langsam verkrampfte sich Lasses Magen immer mehr. Er stupste Susanne an: „Du, ich mein‘ es ernst, kann ich da was tun?“ Sorgenvoll runzelte er seine Stirn und hoffte auf eine positive Antwort; wenn es so weiter ging, müsste er auch in die Dünen. Als er sich umschaute, bemerkte er, dass bereits alle vier Freunde verschwunden waren. Susanne schaute ihn immer noch ernst an. Eigentlich hätte Lasse diese Tatsache genossen, wenn sich nicht plötzlich so viele schwammige Gedanken in seinem Hirn breit gemacht hätten: Susannes Augen waren wirklich dunkelgrün, vielleicht mit ein paar gelben Sprenkeln… Waren die damaligen Kräuterfrauen nicht die heutigen Ärztinnen? … Und hatte er nicht das letzte Bier mit der merkwürdigen Substanz bereits offen von Susanne erhalten? … Wer weiß, was es alles zwischen Himmel und Erde gab… vielleicht hatte er es auch mit einer Psychopatin zu tun; sie kannten sich schließlich erst seit zwei Monaten und das nur vom Sehen!

„Happy birthday to you, happy birthday to you…!“, laut schmetternd kamen Lasses Freunde hinter den Dünen hervor. Maja trug eine riesige Schokoladen-Geburtstagstorte mit unzähligen brennenden Kerzen vor sich her. Mit vor Schreck geweiteten Augen hielt Lasse die Luft an, gleichzeitig fiel ihm ein riesiger Stein vom Herzen, da er alle wohlauf vor sich stehen sah. Doch der eigene Körper fand diesen Emotionssalat nicht allzu amüsant. Lasse konnte sich nur noch mit den Knien in den Sand fallen lassen und übergab sich neben der Bierkiste. Susanne sprang an seine Seite und hielt seinen Kopf.

Er wusste es. Der Duft von Frühlingsblumen konnte nicht lügen…

 

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Anm. z. Überschrift: plattdeutsch für „Der Kräuter-Tod“

Anm. z.Titelbild: ©Silke Schupp