Intarsie

Zum tausendsten Male stand Lea vor dem verfallenen Haus ihres Großvaters. Spaziergänger, die den sandigen Weg der dahinter liegenden Wiesen und des angrenzenden Waldstücks nutzten, könnten auch die Bezeichnung „verwunschen“ im Kopf haben, doch die dachten nie darüber nach, hier zu wohnen. Seufzend überschlug sie die Liste der dringendsten Arbeiten: völlige Erneuerung der Elektrokabel, Trockenlegung der Mauer zum Garten, die Holztreppe war morsch und der Boden eklig… Die Liste ließ sich ohne Probleme auf zwei Seiten erweitern. Vermutlich wäre ein Abriss und Neubau günstiger. Und nun? Lächelnd dachte Lea an den hinteren Schuppen. Der war perfekt und bräuchte auch nur einen neuen Außenanstrich. Naja, hier lag auch Opas Herz und Lebensmittelpunkt, die Werkstatt. Mittlerweile waren bereits fünf Jahre seit dem Tod ihres Großvaters vergangen und sie wusste heute immer noch nicht, warum er ihr sein Haus zu dieser Zeit hinterließ. Eigentlich wollte er damals immer einen männlichen Nachfolger für seine Leidenschaft des Bogenbaus, doch seine Tochter brachte nur ein Mädchen zur Welt. Etwas bitter lachte Lea, shit happens… Immer wieder blockte Opa Steen ihren Wunsch ab, sie in der Kunst des Bogenbaus zu unterrichten. Das wäre nichts für ein Mädchen, sagte er bei jeder passenden Gelegenheit und sorgte damit nicht gerade für eine ausgeglichene Kindheit. Ok, die hatte sie so oder so nicht mit einer Mutter, die ihr den Vornamen einer Hauptfigur aus Star Wars gab. Manchmal fand Lea sie mit all ihren verrückten Ideen aufregend cool, doch vor einem Jahr bezahlte ihre Mutter mit ihrem Leben für diese Coolness. Der Fallschirm öffnete sich nicht zur rechten Zeit. Seitdem pendelte Lea zwischen Großstadt und Land. Immer noch auf der Suche nach Antworten, die ihr nun keiner mehr geben konnte.

Irgendwann kurz nach Steens Tod gab es einen erhellenden Moment, der sie darüber sinnieren ließ, warum sie sich überhaupt den starken Wunsch des Bogenbauens nehmen ließ. Einmal diesen Gedanken gedacht, ließ er sie nicht mehr los und pulsierte förmlich durch ihren Körper, als bestätigte er diesen Weg mit einem riesigen Hurra-Geschrei. Total verwirrt über sich selbst, suchte sie bereits einen Tag später ernsthaft nach einem Weg. Unglaublicherweise fand sie eine der ausdrucksstärksten Frauen, denen sie je begegnet war, die einer Ausbildung am Wochenende zustimmte. Es folgten drei wunderbare Jahre intensiver Zusammenarbeit. Der Deal war einfach: Lea lernte und half in dem kleinen Hofladen, der tausend Merkwürdigkeiten und eine Menge leckerer selbst hergestellter Lebensmittel vertrieb. Dafür erhielt sie eine fundierte Kenntnis über Holzmaterialien, deren Bearbeitung und vor allem einen fast magischen Bogenbau, der bei jedem einzelnen Stück geradezu zelebriert wurde. Jetzt besuchte sie Freya immer noch, doch dann für Lagerfeuer-Treffen oder zum instinktiven Bogenschießen in völliger Dunkelheit oder mit verbundenen Augen; sehr aufregend und spannend.

Doch nun war Wochenende, die Sonne schien, das Feldbett war im Schuppen aufgebaut und sie konnte sich auf dem großen Grundstück austoben. Es gab bunt angelegte Bahnen mit Höhenunterschieden. Die Ziele waren bereits verteilt und aufgebaut: eine große Zielscheibe mit einem äußeren blauen, einem grünen und roten Kreis sowie einem gelben Mittelpunkt, außerdem Styroportiere, die „versteckt“ auf den Pfeil warteten. Es gab sogar eine kleine noch von Opa gebaute Maschinerie, die sich gleich eines Schießstandes auf dem Dom bewegte und Metallplatten über ein Ein-Meter-Laufband schob. Herrlich! Im Auto lagen diverse Spaghetti-Gerichte mit Fertigsoßen, Bananen, Weintrauben, eine Tüte Chips und eine Flasche guten Rotweins, um der Schützin den Bauch zu füllen. Ein Garten Eden!

Lea öffnete die Tür der Werkstatt. Ein anheimelnder Holzgeruch schlug ihr entgegen. Genießend schloss sie die Augen und ließ die verschiedenen Düfte auf sich wirken: Vielleicht gab es den „allgemeinen“ Geruch nach Holz, doch Lea „sah“ mit ihrer Nase die Eigenarten, der im Raum befindlichen Hölzer. Vielleicht wie ein guter Koch, der seine Nase nur über den Topf zu halten braucht, um dem überraschten Zuschauer alle einzelnen Inhaltsstoffe nennen zu können. Lea besaß nicht genug Worte, um die Unterschiede zu beschreiben, doch sie konnte blind fast jede Holzart erraten. Im Moment trockneten Eibe, Lärche, Robinie und natürlich der König der Bogenhölzer Osage Orange in ihrer Wochenend-Wahlheimat. Allein schon dafür würde sie immer wieder die eine einstündige Fahrt von Hamburg aus auf sich nehmen.

Die Sonne schien durch die etwas blinden Fenster auf den groben, standfesten, selbstgebauten Holztisch, der dominierend in der Mitte des Raumes stand. Staub tanzte in der Luft darüber. Die Platte beherbergte Pinsel, Ziehmesser, kräftige Spachtel, Holzleim, Spaltkeile, Kreide, Pfahlhammer und tausend Dinge mehr.

Leas Blick wanderte weiter. Dort lag er! Eingewickelt in einen groben, beigefarbenen Leinenstoff wartete Steens Bogen seit dem letzten Wochenende auf seine Besitzerin. Zwanzig perfekt austarierte Pfeile zeigten mit ihrer Spitze direkt zur Tür. Lea lächelte, eine kleine Marotte, die einem Fremden gleich vermitteln sollte, dass er privaten und somit verbotenen Raum betrat. Glücklich strich sie mit der Hand über die einzelnen Hölzer, die sich drehten und dabei ein leises Klacken von sich gaben. Das polierte Holz fühlte sich nur im ersten Moment ein wenig kühl an, doch eine Sekunde später pulsierten ihre Finger vor Aufregung, als verbänden sich ihre Hände mit dem Wissen, gleich etwas völlig Erfüllendes zu tun. Eine Freundin hatte schon vor längerer Zeit bemerkt, Lea wäre nicht mehr ganz normal, da sie bei bestimmten Dingen sofort ihre Umwelt vergäße, Wichtiges wie Unwichtiges. Lea grinste, naja, einmal hatte sie ihren angekündigten Besuch vergessen und nicht am Bahnhof gestanden, obwohl es so vereinbart gewesen war; ein Problem mit der Befestigung des Bogens bündelte in dem Moment ihre gesamte Aufmerksamkeit, so dass das Klingeln des Handys sich im Orbit verlor.

Wenn Leas Fingerkuppen das Holz verließen und über die Sehne strichen, kribbelte ihre ganze Haut; ein Phänomen, das sich bereits mit ihrem ersten Bogen, der ihr ganz allein gehörte, eingestellt hatte. Fremde Bögen ließen sie kalt. Opa Steen empfand damals diesen Umstand als absoluten Mädchenkram; er betonte immer wieder, dass ein guter Bogenschütze sich durch seine Gabe der besonderen Detailbeobachtung auszeichnete, nicht mehr und nicht weniger. Er sah nicht nur sein Ziel und dessen Entfernung, er „sah“ die Spitze des Pfeils, er „sah“ den Wind, er „sah“ seine innere Kraft, mit der die Sehne gespannt wurde und er „sah“ die aufgebaute Energie, die mit dem Pfeil davonflog. Als kleines Mädchen konnte Lea ihrem Opa gedanklich nicht folgen, heute schon. Hierzu sei erwähnt, dass Steen nicht zu der Sorte des gutmütigen Opas gehörte, der wie der Weihnachtsmann höchstpersönlich mit weißem Rauschebart wohlwollend die kleinen Kinder auf den Schoß nahm. Sein Gesicht war bartlos, die Hände feingliedrig sehnig und sein Wesen besaß mehr von der Art des Ungeduldigen und Sachlichen. Mit diesen Gedanken verlor die erwachsene Lea ein klein wenig ihre Hochstimmung, da sich eine immer noch schmerzende Erinnerung zum tausendsten Mal in ihren Kopf schlich:

Mit dem ersten Bogen entstand damals ihr übermächtiger Wunsch, eine wunderschöne Amazone zu werden, die bewaffnet mit Pfeil und Bogen durch die Lande zog und das Böse bekämpfte. In einer besonders harmonischen Minute in der Werkstatt erzählte sie ihrem Großvater davon und schaute ihm nach ihrem Bekenntnis erwartungsvoll ins Gesicht. Einen kleinen Moment blieb er regungslos. Lea stand vor lauter Anspannung, den Bogen in beiden Händen haltend, vor ihrem Opa.

„Das lange Haar zu einem Zopf gebunden, geschmeidige weiche Lederbekleidung, weißer Rappe?“ Begeistert nickte Lea zu jedem Wort.

„Dann musst du dir später auch eine Brust ausbrennen lassen, damit sie nicht hinderlich fürs Bogenschießen ist.“

Entsetzt schaute das kleine Mädchen seinen Opa an und faste sich unweigerlich an den noch flachen Oberkörper. Tränen stiegen langsam in ihre Augen. Ungerührt arbeitete Steen an seinen Bogen weiter, ohne die Reaktion seiner Enkelin wahrzunehmen. Erst als diese fluchtartig die Werkstatt verließ, bemerkte er, dass seine Feinfühligkeit an diesem Morgen doch noch nicht mit ihm aufgestanden war. Das kleine Mädchen suchte Zuflucht bei ihrer Mutter, doch die stand völlig mit Farben überspritzt im Hof und bewarf gerade mit Lack gefüllte Ballons mit spitzen Eisenpfeilen, um ein besonders kreatives Bild zu fertigen. So verschwand Lea für den ganzen Tag in ihrem Baumhaus im Garten und wollte mit niemandem mehr sprechen. Später stellte sich heraus, dass Opa unbedacht eine Mär verbreitete[1], doch der Schaden war schon entstanden.

Endlich mit allen Notwendigkeiten im großen Garten band die erwachsene Lea sinnierend ihre langen Haare zu einem Zopf, prüfte den ersten Pfeil mit einem Blick der Kennerin, legte an, fixierte einmal kurz das Ziel und sah den Pfeil schon fliegen bevor er flog; so traf sie immer… Blinzelnd bemerkte sie einen Krümel im rechten Auge. Verdammt, die Wimperntusche ist doch zu alt. Völlig entnervt rieb Lea an ihrem Auge herum, doch der Störfaktor blieb. Halb tastend legte sie den Bogen auf den neben ihr stehenden Tisch für die Pfeile und Verpflegung. Sie zog ihr Handy aus der Hosentasche und betrachtete mit der Spiegelfunktion das betroffene Auge. Sie fand schließlich den Störenfried und legte das Handy zu dem Bogen auf den Tisch, um sich einen Kaffee in ihren roten Metallbecher einzuschenken. Genießend schlürfte sie an dem noch heißen Getränk und schaute auf ihr Telefon, das noch neben ihren Bogen lag. Das Spiegelbild zeigte die wunderbare Einlegearbeit oberhalb des Griffleders, die gleich eines ovalen Medaillons eine Verschnörkelung aufwies, die Lea immer an rankende Blumen erinnerte. Nun sah sie zum ersten Mal das Spiegelbild davon. Ihre Hand fing an zu zittern und ihr Herz schlug, als stünde sie vor einem Abgrund. Vorsichtig stellte sie den Becher zur Seite und streckte ihre Finger aus. Die glatte Einlegeplatte enthüllte zum ersten Mal nach vielen Jahren sichtbare Worte: „Löse mich“.

Irritiert nahm Lea den Bogen in die Hand, um die kleine Platte genauer zu betrachten: Ohne Spiegel zeigten sich Blumen, mit Spiegel eindeutig diese Worte. Am Rand der kleinen Platte stachen kleine metallene Ecken hervor. Lea dachte immer, dass sie der Befestigung dienten. Doch nun drückte sie vorsichtig mit dem Nagel gegen eine Ecke, nichts geschah. Ok, dann anders. Sie setzte sich auf den Tisch, klemmte den Bogen zwischen die Beine und drückte mit beiden Händen gegen zwei Ecken, die sogleich im Holz verschwanden, die Platte freigaben und sie mit einem „Plock“ auf den Tisch purzeln ließen. Leas Blick fiel nun auf die kleine freigewordene Öffnung. Vorsichtig kratzte sie an dem merkwürdigen darunterliegenden Material. Es war ein Stück hauchdünnes Pergamentpapier! Fast nicht atmend entfaltete sie einen kleinen, eng beschriebenen Zettel. Opa Steens Handschrift!

Meine liebe Lea,

wenn Du diesen Zettel findest, dann bist Du das, was Dein Herz immer begehrte: Eine wahre Bogenschützin. Du bist es mehr, als ich es jemals hätte sein können. Du besitzt das magische Gefühl für den Bogen, das auch Dein Urgroßvater besaß. Ich leider nicht. Als Du mir als junges Mädchen davon erzähltest, war ich zutiefst berührt und vielleicht ein wenig eifersüchtig. Ich konnte nicht über meinen eigenen Schatten springen und verweigerte dir deshalb die Kunst des Bogenbauens. Mein größter Fehler. Wenn Du das geworden bist, was Du schon immer werden solltest, dann hast Du die Kunst des Bauens bereits von jemand anderem erlernt. Hör niemals auf,  an Deinen innersten Wünschen festzuhalten! Ich liebe Dich und umarme in Gedanken meine Amazone Lea.

Ein leichter Wind kam auf und strich über das tränennasse Gesicht der zukünftigen Gründerin der erfolgreichsten deutschen Bogenbau-Schule.

 

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[1] http://www.frauenwissen.at/amazonen.php, abgerufen am 01.12.2017

Das Titelbild ist eine freundliche Leihgabe von http://www.tipicamp.de