Die Zusammenkunft

Alle sind sie gekommen. Wie jedes Jahr. Wie jedes Jahr seit sie denken konnten. Wer wirklich nicht dabei sein konnte, grüßte von seinem Krankenbett aus oder von unterwegs und verfolgte die besonderen Stunden per Videoübertragung. Bevor die Sonne unterging, standen unzählige Autos auf dem großen Gelände. Die Kennzeichen verrieten die Herkunft aus ganz Deutschland, kein Bundesland fehlte. Wie in den meisten der vergangenen Jahre bedeckte der Winter das noch grüne Gras aus dem Herbst, die ausgefahrenen Wege und die umliegende Ebene mit dem reinen Weiß der Ruhe und Stille. Die Natur wartete ebenfalls, wartete auf eine Nacht, die das Ende der dunklen Tage und den Anfang für das Kommende symbolisierte. Es handelte sich um ein gespanntes Warten, ein Warten mit Vorfreude auf diese eine Nacht, die die von weither Angereisten nur mit ihren Freunden im Geiste des Lernens verbringen mochten. Niemand wollte fehlen.

Mein Herz klopfte. Diese besonderen Stunden verwandelten jeden von uns, niemand wusste vorher auf welche Art und Weise, wir wussten nur, dass es geschehen würde. Niemand sprach, obwohl immer wieder ein Rascheln der Hakamas die Anwesenheit bekannter Gesichter verriet. Hier im Keller bei den Umkleideräumen machte sich die Kälte der Jahreszeit bemerkbar. Zufrieden berührte ich meine mitgebrachten dicken Socken und mein weinrotes Sitzkissen; die ausgelegten Matten konnten während der Meditationszeit nicht immer die Wärme halten. Gleich 22 Uhr! Nun schnell. Der kleine Zugang zur großen Halle wirkte durch die vielen schwarzen Röcke dunkel, da jeder geduldig wartete, bis der vor ihm Stehende seine Schuhe auszog und eventuell in warme Socken schlüpfte.

Ein Schimmern empfing mich. Eine der größten Sporthallen zeigte sich in ihrem schönsten Kleid. Der gesamte Hallenboden war auf einer Fläche von über 800 m² mit dunkelgrünen Stoffmatten belegt. Die Umrandung mit den roten Matten lag im Dunkeln. Die hohen Fenster der Halle spiegelten die an ihrem Fuße aufgestellten hundert Lichter wider. Jeder Teilnehmer brachte für diese besondere Nacht ein Kerzenlicht in einem Glas mit, das später an einen anderen Teilnehmer als Erinnerung verschenkt werden sollte. Das Flackern der Kerzen brach sich im Glas und schien sich mehrfach zu wiederholen. Das Licht leuchtete für die dunkelste Zeit des Jahres. Dicke Schneeflocken fielen vor dem Fenster in den Schein und bedeckten die Scheiben mit einer weichen Decke der Gemütlichkeit.

In der hintersten Ecke saßen bereits die Ersten. In der Mitte der Mattenfläche kniete eine junge Frau vor einer Klangschale und wartete geduldig. Noch drei Minuten! Alle 15 Minuten erklang der Ton der Schale und zeigte die Zeit der Ruhe an. Niemand durfte aufstehen, niemand sich hinsetzen. Erst beim nochmaligen Ertönen konnten sich Meditierende dazusetzen oder gehen. Es war eine Zeit der Vorbereitung für die Stunde der Mitternacht. Früher hatten sie halbstündige Meditationsphasen bis einmal einer der zur Ruhe Kommenden schlafend von seinem Kissen gekippt war. In Anbetracht der späten Stunde verkürzten die Gastgeber auf 15 Minuten. Tiefe Ruhe überkam mich und versenkte meine Sorgen des vergangenen Jahres in eine andere Zeit, sie verloren ihren Halt und verschwanden für diese Nacht. Als ich wieder zu mir kam, ertönte die Klangschale drei Mal und signalisierte das Ende der Vorbereitungszeit. Die Sitzkissen legten wir vor die Fenster, um die Wärme am Verlassen des Raumes zu hindern; immer mehr ähnelte diese große Halle einem bunten Wohnzimmer während eines Festes mit vielen Gästen. Ein erneuter Ton: Leises Flüstern erstarb und jeder der Teilnehmer suchte sich in den beiden entstehenden Reihen gegenüber der Fensterfront einen Platz neben einem Freund. Nun ohne Sitzkissen im Seiza, mit aufrechtem Rücken, geschlossenen Augen und den auf den Knien abgelegten Händen warteten wir auf den diesjährigen Gastgeber, der das Training eröffnen würde. In den nächsten Stunden würde kein einziges Wort mehr die Sphären der Halle füllen – nur noch leises Lächeln und auffordernde Blicke, um das Neue zu zweit auszuprobieren. Jeder Teilnehmer trainierte mit jedem, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, aus welchem Verband oder Land er oder sie stammte. Heute waren sie nur eine Gruppe Aikidokas, die die neuen Ideen vom Gastgeber aufnahmen. In dieser Nacht waren sie alle Anfänger, alle Lernende. Es gab kein hart oder weich, es gab kein viel oder wenig, es gab kein mein oder dein, es gab keine alte oder neue Generation, es gab keine Farben, es gab nur schwarz oder weiß, es gab nur Form und Schönheit, es gab nur energievolle Schwingungen mit viel Empathie und Freundschaft, die sich schon über viele Jahre hielt und immer wieder erneuern würde.

In den Pausen tranken wir gemeinsam Wasser und genossen die Atmosphäre des mittlerweile warm schimmernden Raumes. Manche Akidoka standen einfach beisammen, andere suchten die Ruhe auf einem der Kissen. Doch niemand sprach in dieser Nacht der Wintersonnenwende. In dieser Nacht gaben Worte ihre Magie an das Fühlen ab, das in dem Wahrnehmen des Gegenübers lag, denn….

…wenn das Schwert der Einheit, das Himmel, Erde und Menschheit verbindet, offenbar ist, ist man frei und in der Lage das Selbst zu reinigen und zu formen.

Morihei Ueshiba[1]

 

Kommst Du mit an diesen Ort?

 

 

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[1] Morihei Ueshiba, Budo, Das Lehrbuch des Gründers des Aikido, Werner Kristkeitz Verlag, 1997, 31.