…und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Die Tage verfliegen, die Sonne geht morgens auf und nimmt ihren Lauf; irgendwann löst ihr Konterpart sie ab und bescheint die Stille eines Sees im nachtdunklen Wald. Es gibt einen Montagmorgen mit viel Gegrummel, da der Wecker schrillt und es gibt einen Freitagabend mit Vorfreude auf das Ausschlafen am nächsten Morgen. Was nehmen wir wahr? Sind es nur die Dinge um uns herum, die sich in Bewegung befinden? Zeiten, die sich anscheinend wiederholen und doch einfach verfliegen, wie die verblühte Löwenzahnblüte?

Mag es sein, dass sich der gerade beginnende Tag aufgrund der Notwendigkeiten wie Arbeiten, Einkaufen und Putzen im großen Stil reduziert; mag es sein, dass die uns umgebenden Menschen fast alles von uns verzehren, als stünden wir in einem Löwenkäfig ohne Chance auf ein Entkommen; mag es sein, dass die Sorgen mit einem erdrückenden Ausmaß unsere Gedanken gefangen halten, als säßen wir von Gott und der Welt vergessenen in Alcatraz.

Betrachten Sie Ihren Tag und seien Sie in einer unvorsichtigen Sekunde für einen klitzekleinen Moment ehrlich zu sich selbst: Könnte ich nicht mit Handbesen und Kehrschaufel bewaffnet die eine oder andere Minute des Tages für mich nutzen, gar eine oder zwei Stunden? Was läge in dem zusammengekehrten Haufen greifbar nah, wenn wir unseren Alltag abstreiften wie eine lästige alte Haut, die ohne Bedauern in den Abgrund fällt?

Wann haben Sie sich das letzte Mal selbstvergessen ihrer Leidenschaft gewidmet? Wann gab es das letzte Mal ein Jauchzen und Freuen ohne Gesellschaft? Wann hatten Sie das letzte Mal das Gefühl das wunderbarste Vergnügen für sich in Anspruch zu nehmen?

Es ist eine andere Welt! Es ist der Zugang zu uns selbst, der jeden Tag auf uns wartet, geduldig und ohne Wertung. Er bietet sich an, mehr nicht. Es gibt keine Trauer, wenn der Schlüssel dazu weggeworfen scheint, denn er kann jederzeit glitzernd wieder vor uns liegen, einfach so. Es gibt kein Verurteilen, denn unser Handeln ist nur allzu menschlich und manchmal nur verdreht. Es gibt nur das Vorhandensein und die Hoffnung auf Erkenntnis bei jedem Einzelnen. Geschenke sind nicht immer einfach…

So liegt es vor uns, das Tor, für jeden anders in seinem Erscheinungsbild: Die einen durchschreiten den verzierten Rosenbogen mit abertausend Blüten in den uns ganz eigenen Lieblingsfarben, die anderen wagen den Schritt durch das erhabene Mittelaltertor, das an so manchem Stein die Spuren eines Kampfes offenbart. Was erwartet mein Herz nach dem Durchschreiten? Zögernd, langsam und bedächtig setzen wir unseren Schritt herantastend in die Richtung eines uns noch unbekannten Zieles. Wir bewegen uns in eine Zeitschleife hinein, die weder einen Anfang noch ein Ende kennt. Der Aufenthalt hinter dem Tor besitzt keine Stunden oder Minuten, es ist das absolute Sein. Wenn wir es erkennen, beginnen wir unsere tief versteckten Freuden ganz für uns allein mit einer vorsichtigen Berührung anzustupsen und gleich einem ewigen Pendel in Bewegung zu bringen. Ein Schwingen, das uns durchflutet und trägt. Jede Faser unseres Daseins richtet sich danach aus und in einem unbedachten Moment des Wunderns sehen wir etwas Großes, etwas Unvorstellbares, etwas, was uns zutiefst berührt, nur weil wir es betrachten.

Siehst Du dich?

 

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Info zur Überschrift: Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, Teubner Verlag, Leipzig, 1875.