Das Zentrum

Wir alle kennen gute Seminare, wir alle kennen gute Lehrer, gute Trainingspartner, schöne Dojos oder einfach das zufriedene Gefühl nach guten Momenten auf der Matte.

Am letzten Wochenende im September besuchte ein kanadischer Aikido-Trainer ein Dojo in Hamburg, um dort ein Seminar im Rahmen einer Deutschland-Reise zu geben. Sein Schwerpunkt lag in der Arbeit mit dem Zentrum und den damit verbundenen effektiven Bewegungen; ein sehr energievolles Aikido! Wenn erfahrene Aikidokas schon über viele Jahre die Arbeit mit dem Zentrum verinnerlichten, dann lassen sich diese durch ihre geschmeidigen Bewegungen, innere Ruhe und einer augenfälligen Präsenz erkennen. Doch für den nicht so Geübten erscheint das Finden des Zentrums anfänglich ein Buch mit sieben Siegeln zu sein.

Was wird damit benannt? Anspannung? Entspannung? Konzentration auf den Punkt im unteren Bauch? Meditatives Versinken mit dem Visualisieren der Ki-Ströme? Eine endlose Liste mit Fragen eröffnet sich. Die großen Meister finden jeder für sich eine eigene Beschreibung, eine Formulierung, um den lernenden Aikidoka das Wesen des Zentrums ein wenig näher zu bringen.

Morihei Ueshiba schrieb in einem Gedicht:

In dem Augenblick

da der Krieger

einem Feind gegenübersteht,

dient alles dazu,

die Lehre auf den Punkt zu bringen.[1]

Kazuo Nomura schrieb:

„Das Aikido-Training versucht das Zentrum zu kultivieren, unser Bewusstsein und unser Wissen. Genauer gesagt, ist es ein starkes Zentrum, in dem wir uns den unbegrenzten Fluss bewusst und die Technik leichter machen. Wenn wir den Fluss unseres Gefährten in den Aikido-Bewegungen rund machen, verdoppeln wir unseren und werden eins mit dem ewigen Fluss der Natur.“[2]

Doch Worte vermögen nur in die Richtung zu weisen, in die der Schüler blicken sollte. Jeder muss diesen Weg für sich alleine finden, denn eine allgemeingültige Antwort gibt es nicht; so wenig wie eine Seele der anderen gleicht.

Auf dem Seminar besaß ich das Glück, mit einer erfahrenen Aikidoka die Zentrums-Übungen durchzuführen und werde es nie wieder vergessen!

Als Uke griff ich mein Gegenüber mit Shomen-uchi an, doch sie blickte mir nur in die Augen und stand ganz entspannt vor mir, ruhig, aufmerksam und achtsam. Irritiert ob der fehlenden Reaktion hielt ich in meinem Schlag inne und schaute sie fragend an. Lächelnd legte sie mir ihre Hände auf die Schultern und forderte mich ohne Worte auf, ihrer Atmung zu folgen; währenddessen schüttelte sie an meinen Oberarmen und Schultern bis ich selbst das Verlieren der Anspannung bemerkte und sich Ruhe in meinem Zwerchfell ausbreitete. Nickend bemerkte sie es und ließ mich den Angriff ausführen. Immer wieder nahmen mir meine konzentrierten Gedanken diese Ruhe und immer wieder holte mich meine Trainingspartnerin zurück, so dass es mir von Minute zu Minute leichter fiel in diese innere Ruhe zurückzufinden. Wir wechselten nicht nach dem vierten Angriff, sondern erst, als mein Gegenüber das von ihr beabsichtigte Zusammenspiel zwischen Körper und Geist erkennen konnte. So übernahm ich nun den Part des Nage. Mit Erstaunen bemerkte ich die Veränderung in der eigenen Technik-Ausführung. Meine Beine schienen felsenfest mit dem Boden verschraubt zu sein; ich fühlte mich wie ein Fels in der Brandung und den angreifenden Uke sah ich als Feder, deren Flug ich mit meinen Händen begleitete. Meine sensitive Trainingspartnerin lächelte über mein Erstaunen und freute sich mit mir über den Moment, als schaue sie einem werdenden Menschen bei seinen ersten Schritten zu.

Aikido ist mehr als Technik, es ist mehr als Sport und Austoben, es ist erfüllend bis in die letzte Faser des Seins und von dort an, ist das eigene Menschsein mit einem neuen Blickwinkel beschenkt!

 

[1] Morihei Ueshiba: Budo. Das Lehrbuch des Gründers des Aikido, 1997, Heidelberg, S. 36
[2] Kazuo Nomura: Aikido. Yamato Aikikai, 2009, S. 22
Anm.z.Text: Veröffentlicht im Aikido-Journal 1/2018